Pfriemelpfuhl

Alles Käse – oder doch eher Wurst?

Der Begriff „postfaktisch“ bestimmt seit längerer Zeit die politische Debatte und wurde daher nicht ganz zu Unrecht zum Wort des Jahres gewählt. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob die Rede von einem „postfaktischen Zeitalter“ wirklich den Tatsachen gerecht wird, setzt diese Idee doch voraus, dass dem postfaktischen ein „faktisches“ Zeitalter vorausgegangen sei. Dass Fakten bewusst oder unbewusst ignoriert werden und dass Gefühle die Debatte bestimmen, ist indes kein neues Phänomen – gerade für mich als Sprachwissenschaftler, als Angehöriger einer Zunft also, die seit Jahren zumeist vergeblich mit wissenschaftlichen Fakten gegen gefühlte Wahrheiten wie die unausrottbaren Sprachverfallsmythen anargumentiert. Dass mit solchen gefühlten Wahrheiten gezielt auf Stimmenfang gegangen wird, ist allerdings tatsächlich ein Phänomen, das sich im zu Ende gehenden Jahr sehr deutlich und wohl auch in etwas größerem Ausmaß als bisher gezeigt hat.

Wie man mit relativ fadenscheinigen Behauptungen Politik machen kann, zeigt derzeit Agrarminister Christian Schmidt, dessen Interview mit der Bildzeitung gerade Furore macht. Darin fordert er unter anderem (mal wieder) eine Schweinefleischpflicht für (Schul-)Kantinen. Begründung: „Fleisch gehört auf den Speiseplan einer gesunden und ausgewogenen Ernährung, auch in der Kita- und Schulverpflegung.“ Dass Fleisch für eine gesunde und ausgewogene Ernährung unentbehrlich ist, ist mindestens umstritten (und sagt zudem nichts über die Notwendigkeit von Schweinefleisch aus). Die Forderung und die zu ihrer Begründung herangezogene Behauptung dienen ganz offensichtlich nur einem Zweck: Islamfeindliche Ressentiments zu bedienen und den postfaktischen Mythos zu nähren, Schweinefleisch würde aus Rücksicht bzw. vorauseilendem Gehorsam gegenüber Muslimen vom Speiseplan einer wachsenden Anzahl an Kantinen genommen.

Wie so viel von dem, was derzeit als „postfaktisch“ bezeichnet wird, gehört Schmidts Aussage damit in den Bereich dessen, was der Soziologe Harry Frankfurt bereits in den 80er-Jahren etwas pointierter als „Bullshit“ bezeichnet hat. Frankfurt: „[The bullshitter] does not care whether the things he says describe reality correctly. He just picks them out, or makes them up, to suit his purpose.“

Noch deutlich fadenscheiniger fällt seine Begründung dafür aus, Bezeichnungen wie „vegetarische Currywurst“ oder „veganes Schnitzel“ zu verbieten: Sie seien „komplett irreführend und verunsichern die Verbraucher“. Ich bin mir nicht sicher, welche Verbraucher er da im Auge hat, aber es liegt auf der Hand, dass so ziemlich jede alternative Bezeichnung irreführender wäre. Auch hier ist das Ziel des ebenso populistischen wie aktionistischen Vorschlags unverkennbar – treffend heißt es in einem Kommentar, der Minister bediene „publikumswirksam Vorbehalte in einigen Bevölkerungsschichten gegen vegane Ernährung“. Wie bei so vielen aktionistischen Vorschlägen aus den Reihen der CSU, aber auch anderer Parteien, ist unschwer zu erkennen, dass hier ein Aufstand des vermeintlich „Normalen“ gegen die Auswüchse „linksgrün-versifften“ Denkens und Handelns inszeniert werden soll.

Allerdings ist das von Schmidt in den Raum gestellte Verbot für Fleisch- und Wurstbezeichnungen für vegetarische Produkte nicht ganz ohne Präzedenz. Bereits vor einiger Zeit untersagte das Landgericht Trier einem Eifeler Betrieb, seinen veganen Käse als „Käse“ zu bezeichnen, wobei es sich auf die Verordnung 12308/2013 des Europäischen Parlaments bezog, der zufolge Begriffe wie „Käse“, aber etwa auch „Butter“ ausschließlich Milcherzeugnissen vorbehalten sind, wobei „Milch“ wiederum „ausschließlich dem durch ein- oder mehrmaliges Melken gewonnenen Erzeugnis der normalen Eutersekretion, ohne jeglichen Zusatz oder Entzug, vorbehalten [ist]“. Auch die landläufige Bezeichnung „Sojamilch“ widerspricht also dieser Verordnung.

Natürlich hat eine solche EU-Verordnung herzlich wenig mit dem alltäglichen Sprachgebrauch zu tun. Niemand verbietet es einer Privatperson, pflanzlichen Käse als Käse zu bezeichnen oder Sojamilch als – nun ja, Sojamilch. Dennoch scheint teilweise davon ausgegangen zu werden, dass derlei Verordnungen auch für den Alltagsgebrauch normative Kraft hätten. Mehr noch: Es wird gleichsam eine unhintergehbare Verbindung zwischen einem Begriff gesehen und dem, was er – gemäß der „offiziellen“, durch (vermeintliche) Autoritäten sanktionierten Definition – bezeichnet. Diese Position bezeichne ich gern als „ontologischen Fehlschluss“ – sehr schön erkennbar in einer Überschrift wie „Warum veganer Käse kein Käse ist“ oder einer Formulierung wie jener, dass es veganen Käse „gar nicht geben kann, weil per Definition nur Käse ist, was aus Milch gemacht wurde.“ Diese Gleichsetzung von Begriff und Sache findet sich auch in Überschriften zu Schmidts Vorschlag wieder, die – vermutlich bewusst sensationsheischend – behaupten, Schmidt wolle „vegane Currywurst“ verbieten.

Was zeigt: Derlei Sprachregulierungen führen zu deutlich mehr Verwirrung und Verunsicherung als die angeblich irreführenden Begriffe selbst. Der Vermarktung vegetarischer Produkte mit Fleisch- oder Wurstbezeichnungen steht glücklicherweise (noch) keine Verordnung im Wege. Käme eine solche Verordnung tatsächlich, wäre das freilich keine Katastrophe – denn sie schadet letztlich genauso wenig, wie sie nützt. Sie wäre letztlich nur eine populistische Luftblase, Blendwerk, – Bullshit eben.

Sprachnörglerische Selbstbefriedigung

Die haarsträubenden Argumentationen und Fehlschlüsse von Sprachnörglern wie Bastian Sick, Wolf Schneider und Konsorten offenzulegen, gleicht einem Kampf gegen Windmühlen, weshalb ich in der Regel einen Artikel wie jenen von Franca Lavina Meyerhöfer in der Huffington Post auch unkommentiert lassen würde. Aber weil der Artikel so haarsträubend ist und mir glaubhaft versichert wurde, dass es Menschen gebe, die ihn trotz der so offensichtlich hanebüchenen Argumentation zustimmend auf Facebook teilen, tue ich es dennoch…

Diesen einen Denkfehler sollten Sie sich unbedingt abgewöhnen
Schon dem ersten Satz liegen so viele Fehlannahmen zugrunde, dass man fast einen ganzen Beitrag damit füllen könnte: „Zwischen der gesprochenen Umgangssprache und dem eigentlich korrekten Deutsch gibt es häufig leider große Unterschiede.“ Nun kann man viel darüber diskutieren, ob es so etwas wie „korrektes“ Deutsch gibt und wenn ja, ob die Abweichungen davon so bedauernswert sind, wie es das Wörtchen leider in Meyerhöfers Text suggeriert. Auf die Frage, wer denn festlegt, was „korrektes“ Deutsch ist, hat die Autorin – und darin unterscheidet sie sich nicht von ihren Brüdern im Geiste wie Sick & Co. – eine klare Antwort, denn immer wieder zitiert sie den Duden als Autorität (und sei das Zitat auch nur eine relativ banale Definition des Superlativs). Nun ist der Duden sicherlich das Referenzwerk fürs Standarddeutsche, doch wird zweierlei oft vergessen: Erstens, dass der Duden selbst den Sprachgebrauch nur abbildet. Wenngleich er in vielen Kontexten (z.B. Schulen und öffentlichen Institutionen) verbindlich ist und somit durchaus präskriptive Kraft besitzt, ist er doch in erster Linie ein Werk, das den Sprachgebrauch beschreibt und sich daher auch immer wieder an neue Entwicklungen anpasst, z.B. durch die Inkorporation neuer Wörter. Daher ist er zweitens trotz seiner Verbindlichkeit in einigen Kontexten kein „Gesetzbuch“, sondern allenfalls eine Orientierungshilfe, die in Zweifelsfällen von großem Nutzen sein kann.
Dass es solche Zweifelsfällen gibt, wissen wir aus der alltäglichen Erfahrung. Heißt es wegen des schlechten Wetters oder wegen dem schlechten Wetter? Die Wagen oder die Wägen? Auch der Duden weiß es nicht immer ganz genau und lässt in vielen Fällen mehrere Varianten zu. Im sprachnörglerischen Denken dürfte es solche Zweifelsfälle aber zumindest in der Standardsprache nicht geben – hier gibt es nur „richtig“ oder „falsch“. Dieses binäre Denken tritt auch in dem Totschlagargument zutage, mit dem Meyerhöfer begründet, warum Formen wie meist geklickteste Website falsch seien: „Warum Sie das vermeiden sollten? Weil es schlicht und einfach FALSCH ist!“
Um fair zu bleiben: Sie liefert noch eine genauere Begründung nach. Aber auch diese beruht teilweise auf Fehlschlüssen.

…und diesen auch
Überraschenderweise bedient sie sich nur am Rande der klassischen Erklärung, mit der solche Formen für inkorrekt erklärt werden: Formen wie meist geklickteste Website seien redundant, da der Superlativ doppelt markiert werde („Mehr als meist gelesen kann (…) ein Buch nicht sein“).. Das trifft tatsächlich zu, setzt aber fälschlicherweise voraus, dass Sprache immer logisch sein müsse und niemals Redundanz aufweisen dürfe. (Mit dem gleichen Argument werden Formen wie HIV-Virus für „falsch“ erklärt, obwohl in diesen Fällen die Redundanz für viele Sprecherinnen gar nicht mehr erkennbar ist – nicht jeder weiß, dass das V in HIV für Virus steht.)
Nein, ihr Hauptargument geht so: „Verben kann man nicht steigern. So einfach ist das. Verben kann man konjugieren, verneinen oder betonen, aber steigern kann man sie nicht. Also sollte man das auch nicht tun.“
Selbst wenn die Vorannahmen, auf denen dieses Argument beruht, korrekt wären, so liefe es doch darauf hinaus, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Was Verben können, entscheiden immer noch die SprachbenutzerInnen. Und wenn sie sich entscheiden, am Verb zu markieren, ob die Handlung von einem Mann oder von einer Frau ausgeführt wird, langsam oder schnell durchgeführt wird, ob es gerade Tag oder Nacht ist, dann ist das eben so. Und wenn SprachbenutzerInnen eine Steigerungsform für Verben für nützlich befinden, werden auch lautstarke SprachpflegerInnen sie nicht davon abhalten können (auch wenn die Komparationsformen dann vermutlich semantisch sehr heterogen wären). Viel wichtiger ist aber die Frage, ob es sich bei gelesen(st) überhaupt um ein Verb handelt. Dazu muss man wissen, dass die Wortartenbestimmung in der Sprachwissenschaft weitaus umstrittener ist, als es die relativ klare Wortarteneinteilung, die man uns in der Schule zumeist vorgaukelt, suggerieren mag. Umstritten ist insbesondere, nach welchen Kriterien die Wortartenunterteilung erfolgt: Nach der Semantik (Verben als „Tunwörter“, Nomen als „Dingwörter“ usw.)? Nach der Satzposition?
Nach beiden Kriterien ist der Status von gelesen als Verb fraglich. Gewiss, zunächst ist es die Partizipialform von lesen, doch werden Partizipien oft adjektivisch gebraucht. In manchen Fällen existiert nur noch die adjektivische Form, während das Verb außer Gebrauch gekommen ist oder eine andere Partizipform entwickelt hat: Zum Beispiel ist gediegen nicht mehr als Partizipialform von gedeihen erkennbar. Dennoch unterscheidet sich eine gediegene Mahlzeit synaktisch kaum von einer gediehenen Frucht. Attributiv gebrauchte Partizipialformen sind daher zumindest als Grenzfälle zwischen Verb und Adjektiv anzusehen und entwickeln sich bisweilen zu prototypischen Adjektiven. Und Adjektive kann man steigern. So einfach ist das.

…und den auch noch
Natürlich darf in dem Artikel auch ein Rant über das Steigern von absoluten Adjektiven nicht fehlen – dabei sind dieses Thema und die von Sprachnörglern gebetsmühlenartig wiederholte Argumentation diesbezüglich längst toter als tot. Meyerhöfer gesteht zwar ein, „dass Ausdrücke wie ‚in keinster Weise‘ und ‚vollstes Verständnis‘ als betonendes Stilmittel oder gar als Übertreibung durchaus gängig sind. Vom rein grammatikalischen Standpunkt aus untersucht, sind sie dennoch falsch.“ Auch dieser Argumentation liegt der oben diskutierte Fehlschluss zugrunde, dass Grammatik logisch (oder gar mit Logik gleichzusetzen) sei. In dieser vereinfachenden Sichtweise hat ein Wort, zum Beispiel kein, eine feste, idealerweise sogar eine logisch fassbare Bedeutung, und weil die in diesem Sinne feste, unveränderliche Bedeutung von kein sich auf ein absolutes, nicht steigerbares Konzept bezieht, muss sich die Grammatik dem Diktat der Logik unterwerfen – eine Steigerung ist deshalb ausgeschlossen. Aber Sprache ist nun einmal dynamisch. Wie es keine im strengen Sinne „richtigen“ und „falschen“ Verwendungsweisen von sprachlichen Konstruktionen gibt, so gibt es auch nicht „die“ Bedeutung eines Wortes. Bedeutungen verändern sich im Laufe der Sprachgeschichte, und selbst im synchronen Gebrauch kann dasselbe Wort in unterschiedlichen Kontexten verschieden gebraucht werden. Toter als tot zu sein, mag logisch unmöglich sein, doch wenn ich tot als Metapher verwende, um zum Ausdruck zu bringen, dass ich eine Theorie oder ein Argument für überholt, altbacken oder ähnliches halte, dann beziehe ich mich durchaus auf ein graduelles Konzept, das deshalb auch eine Steigerung zulässt. Das geozentrische Weltbild ist überholter als das kopernikanische, und spätestens seit Terry Pratchett wissen wir ja, dass selbst der völlig danebenlag.

Und das noch
Wäre ich Sprachnörgler, würde ich mich vermutlich über Meyerhöfers konsequent falsche Verwendung des Wortes Sprachfehler echauffieren – ein Sprachfehler ist schließlich laut Duden eine „physisch oder psychisch bedingte Störung in der richtigen Aussprache bestimmter Laute“. In einem vorherigen Artikel hatte Meyerhöfer das Wort immerhin noch in Anführungszeichen gesetzt, ansonsten jedoch ähnlich haarsträubend argumentiert. Außer über superlativierte Verben und absolute Adjektive schreibt sie in jenem Artikel auch noch über die „Gender-Endung genderloser Anglizismen“ wie Teenagerin und Songwriterin:

„Lieber Leser und liebe Leserin, bitte glauben Sie mir, hier geht es nicht um Feminismus, sondern um Grammatik. Und grammatikalisch gesehen ist “Teenagerin” falsch. Das Wort ist ein Anglizismus, also ein Wort, welches aus der englischen Sprache in die deutsche Sprache übernommen wurde. Im Englischen steht “Teenager” aber sowohl für Jungen wie Mädchen. Auch im Deutschen hat “Teenager” kein definiertes Geschlecht. Es ergibt sich aus dem Kontext. Ein “Teenager” ist als Wort geschlechtslos, also WEDER männlich noch weiblich. Ein „Teenager“ kann beides sein.“

gedanke

Absolute Frequenzen der Wortformen „Gedanke“, „Gedankens“ und „Gedanken“ im W-Korpus von COSMAS II.

Man muss nicht besonders linguistisch bewandert sein, um zu erkennen, dass diesem Argument ein Fehlschluss zugrunde liegt – der nämlich, dass ein entlehntes Wort zwangsläufig die grammatikalischen und semantischen Eigenschaften mit sich bringt, die ihm in der Gebersprache eigen sind. Doch Wörter werden nun einmal in aller Regel in die Zielsprache integriert, und das umso stärker, je häufiger sie verwendet werden und je mehr sie damit zum alltäglich gebrauchten Wortschatz gehören. Doch selbst wenn Teenager und Songwriter keine relativ häufigen Anglizismen wären, wäre nicht davon auszugehen, dass Otto Normalsprachbenutzer um die „Geschlechtslosigkeit“ englischer er-Derivate weiß. Für SprecherInnen des Deutschen bezeichhnet eine Personenbezeichnung auf -er zunächst einmal einen Mann, egal, ob es sich um den urdeutschen Bäcker oder den scheinentlehnten Showmaster handelt.
Wäre ich Sprachnörgler, so könnte ich auch darüber spotten, dass sie „Anfang jenen Gedankens“ zu „Anfang jenes Gedanken“ (sic!) korrigiert – womit sie wohl einem ähnlichen Frequenzeffekt unterliegt wie dem, der für den „falschen“ Genitiv bei Ende diesen Jahres verantwortlich ist. Immerhin erkennt sie die Rolle von Frequenzeffekten an: „Dieser Fehler ist sehr häufig. Das liegt daran, dass andere Ausdrücke wie “Ende letzten Jahres” oder auch “Ende vergangenen Jahres” eben dieses “n” haben und es in diesem Zusammenhang völlig korrekt ist.“ Zu ergänzen wäre, dass auch jeden Jahres, was seinerseits auf die insgesamt etwas frequentere Form eines jeden Jahres zurückgeführt werden kann, relativ häufig vorkommt und vermutlich ebenfalls einen Beitrag zur Dominanz der en-Form leistet.

jeden_jahres

Absolute Frequenzen von „(eines) jeden Jahres“ und „jedes Jahres“ im W-Korpus von COSMAS II.

Auch in diesem Zusammenhang arbeitet Meyerhöfer mit einer etwas verquasten Wortklassenargumentation (bottom line: bei letzten in Ende letzten Jahres handelt es sich um ein Adjektiv, dem ein Artikel vorangestellt werden kann; bei dieser/jener geht das nicht, weil es sich um Demonstrativpronomina handelt), womit sie abermals die Rolle dessen, was man als Schulgrammatik bezeichnen könnte, im sprachlichen Wissen über- und die Rolle kognitiver Mechanismen wie Analogiebildung unterschätzt. Salopp gesagt: Wenn wir ein Wort gebrauchen, fragen wir uns nicht, ob es ein Nomen ist, ein Adjektiv oder ein Verb, sondern vielmehr, ob es mit dem konform geht, was wir sonst so kennen und was die Anderen benutzen. Und da kann auch eine Form wie Anfang dieses Jahres, die nach einer mehr oder minder logischen Regelgrammatik die „korrekte“ wäre, als merkwürdig, abweichend, ja „falsch“ erscheinen.

Der letzte Fehlschluss
Der Text schließt mit einer Warnung:

„Hier noch ein kleiner Tipp am Rande: Wenn Sie nun versucht sind, Ihre Mitmenschen stets darauf hinweisen, wenn sie einen falschen Superlativ verwenden, seien Sie gewarnt: Als Sprachnörgler machen Sie sich nicht beliebt – irgendwie befriedigend ist es trotzdem.“

Wie befriedigend Sprachnörglertum sein kann, sei dahingestellt. Beliebt machen kann man sich mit Sprachnörgelei aber sehr wohl, schweißt doch kaum etwas mehr zusammen als das gemeinsame Herabschauen auf diejenigen, die es „falsch“ machen: sei es im Straßenverkehr, in der Kleidung (man beachte die Links zu anderen HuffPost-Artikeln, die den LeserInnen des Sprachnörgeltextes ans Herz gelegt werden – wer mag, kann gleich weiterlesen: „Peinlicher geht’s nicht: Diese Promis tragen Teenie-Klamotten auf ihrem Rentner-Körper“ – „Promis“ heißt in dem Fall, natürlich, „Frauen“), im Leben – oder eben in der Sprache.

Fazit
Eigentlich ist es doch ganz einfach, oder?
Also tun Sie sich, uns und der deutschen Sprache einen Gefallen und vermeiden Sie all diese haarsträubenden Fehlschlüsse und Argumentationsketten.
Warum Sie sie vermeiden sollten? Weil sie schlicht und einfach FALSCH sind.

Geistige Verarmung?

Da ich derzeit in so viele Nebenprojekte verstrickt bin, dass ich mich manchmal paradoxerweise dabei ertappe, zu prokrastinieren, indem ich tatsächlich an meiner Dissertation arbeite, habe ich eigentlich gar keine Zeit, diesen Blogpost zu schreiben. Aber weil dieser Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Thema aufgreift, auf das ich als Germanist und relativ häufiger Teilnehmer internationaler Tagungen oft angesprochen werde (meist von Laien, manchmal aber auch von anderen WissenschaftlerInnen), will ich wenigstens stichpunktartig zum Thema „Deutsch als Wissenschaftssprache“ äußern. Der verlinkte Artikel ist erfreulich neutral, was allerdings auch heißt, dass er die Position des Rektors der Uni Siegen, Holger Burckhart, der im Rahman des Philosophischen Fakultätentages die „geistige Verarmung“ der Wissenschaft durch die Verdrängung des Deutschen als Wissenschaftssprache beklagt hat, nur bedingt hinterfragt. Hier ein paar Auszüge aus dem Artikel und mein Kommentar dazu:

Wissenschaft arbeite „mit Wörtern, Metaphern, die in dem Denken verwurzelt sind, das auf der jeweiligen Muttersprache beruht“, so Burckhart. Zudem sei Englisch „nur anfangs einfach“. Kaum ein deutscher Wissenschaftler beherrsche dagegen qualifiziertes Englisch perfekt. Forscher suchten mit Englisch mehr Aufmerksamkeit, „entstellen aber ihre Arbeit, da sie deutsch Gedachtes mit englischen Worten ausdrücken“.

Hier hat Burckhardt zur Hälfte völlig Recht und zur Hälfte völlig Unrecht. Ja, jede Sprache hat ihre eigenen Metaphern, ihre eigenen Konstruktionen und Wendungen, auch und gerade in wissenschaftlicher Prosa. In den letzten Jahren habe ich die Möglichkeit, abwechselnd auf Deutsch und auf Englisch zu schreiben und vorzutragen, sehr zu schätzen gelernt. Durch die Übertragung in eine andere Sprache muss ich automatisch überdenken, was ich eigentlich ausdrücken möchte, und ich kann mich weniger gut hinter Floskeln und Worthülsen verstecken, für die es in der jeweils anderen Sprache kein direktes Äquivalent gibt. Zugleich scheint Burckhart jedoch eine Verknüpfung von Sprache und Denken im Sinne einer starken Whorfschen Hypothese anzunehmen, die so nicht zu halten ist. In der Formulierung „deutsch Gedachtes“ kommt diese Vorstellung in besonders absurder Weise zum Tragen. Auch scheint er anzunehmen, dass deutsche WissenschaftlerInnen, wenn sie in englischer Sprache schreiben, sich zunächst (bewusst oder unbewusst) deutsche Formulierungen zurechtlegen und sie dann auf Englisch übersetzen. Gerade wenn man relativ viel englischsprachige Fachliteratur liest, ist man jedoch mit den Konventionen und typischen Formulierungen derselben nach meiner Erfahrung rasch so vertraut, dass man den „Umweg“ über die Muttersprache gar nicht mehr braucht und vielmehr umgekehrt manchmal Probleme hat, für englisch Formuliertes eine einigermaßen adäquate deutsche Entsprechung zu finden.

Dabei geht es keineswegs darum, dass am deutschen Wesen die Welt genesen soll; sondern um Mehrsprachigkeit, die Muttersprache nicht ignoriert. Tagungen mit deutschsprachigem Publikum sollten auf Deutsch stattfinden, empfiehlt Burckhart, bei international besetzten Terminen eben mit Simultandolmetschern.

Wie oben erörtert, möchte ich hier keineswegs nur die zentrale Stellung des Englischen als Wissenschaftssprache verteidigen und alle anderen Sprachen als irrelevant abtun. Wie schon gesagt, kann mehrsprachiges Formulieren für den Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin und damit letztlich auch für die Wissenschaft ein Gewinn sein. Für nicht mehr ganz zeitgemäß halte ich indes die Sonderstellung des Deutschen als Wissenschaftssprache, die Burckharts Rede, der Tagung, auf die er sie gehalten hat, dem Artikel in der Süddeutschen und letzten Endes der ganzen Diskussion über „Deutsch als Wissenschaftssprache“ implizit zugrunde liegt. Gewiss, in der Vergangenheit wurde viel bedeutende Forschung auf Deutsch publiziert, sodass man argumentieren könnte (und es oft genug auch tut), dass besagte Sonderstellung des Deutschen historisch gewachsen sei. Aber dass etwas historisch gewachsen ist, ist noch lange kein Argument dafür, dass man es auch erhalten muss. Entscheidend ist der status quo, und das ist derzeit nun einmal, dass Englisch sich weltweit als lingua franca etabliert hat. Dass es daneben noch Hunderte, Tausende andere Wissenschaftssprachen gibt – also Sprachen, in denen Wissenschaft betrieben wird -, ist gut und richtig.

Forscher suchten mit Englisch mehr Aufmerksamkeit

Ich weiß, das habe ich oben schon zitiert, aber es lohnt sich, noch einmal auf diese oft gehörte Behauptung einzugehen. Einerseits stimmt sie natürlich – und was sollte daran schlimm sein? Als Forscher/in wird man ja nicht aus Steuergeldern bezahlt, um seine Resultate möglichst für sich zu behalten. (Man bezahlt allenfalls Verlage dafür, sie möglichst unzugänglich zu halten und hinter teuren Bezahlwänden zu verstecken, aber das ist wieder ein anderes Thema.) Andererseits geht es eben nicht nur um „Aufmerksamkeit“. Wissenschaft lebt heute mehr denn je von Austausch, Diskussion und Kooperation, und je mehr Menschen ich mit meiner Arbeit erreiche, desto mehr Feedback und Anregungen für weitere Forschungen kann ich auch bekommen.

Deutsche Professoren veröffentlichen daher zunehmend auf Englisch; selbst wenn es um Pressezensur im Norddeutschen Bund geht, um Flugschriften der Reformation, um Richard Wagner oder Ingeborg Bachmann.

Ja, auch vermeintlich „deutsche“ Themen stoßen durchaus auf internationales Interesse. Zweck der Geisteswissenschaften ist es ja letztlich, dem Menschen und seiner Kultur auf den Grund zu gehen. Die Untersuchung einzelner Sprachen und Kulturen, auch einzelner Biographien und der Werke einzelner Personen kann sich dabei als aufschlussreich erweisen, und zwar längst nicht nur für diejenigen, die der jeweiligen Kultur angehören oder die jeweilige Sprache sprechen. Wenn es beispielsweise darum geht, zu untersuchen, wie in der deutschen Geschichte und Gegenwart nationale Identität konstituiert wird, sind die daraus resultierenden Erkenntnisse auch international relevant. Wissenschaft, die selbst nationale Identität konstituiert oder zu konstituieren versucht, hat indes mit Wissenschaft nichts zu tun und daher in unserer Bildungslandschaft (hoffentlich) keinen Platz mehr. Obwohl…

Hochschulforscher des HIS-Instituts haben Forscher dazu befragt. „Die Erosion der deutschen Sprache vollzieht sich in Geisteswissenschaften nicht in demselben Maße wie in den Naturwissenschaften“, heißt es in der vom Bund geförderten Studie. Die Frage, ob Deutsch in ihrem Fach weltweit weniger Bedeutung als Englisch habe, bejahten aber fast 60 Prozent der Historiker; bei den Medienwissenschaftlern waren es 90 Prozent, sogar bei den Germanisten ein Fünftel.

Ich hatte leider keine Zeit, einen genaueren Blick auf diese Studie zu werfen (siehe oben), aber dieser Absatz lässt mich doch etwas an Fragestellung und Methodik der Untersuchung zweifeln und die Steuergelder bedauern, die dafür vom Bund aufgewendet wurden. Die unheilvolle Wortwahl – „Erosion der deutschen Sprache“! – spricht auch nicht gerade dafür, dass es sich um eine ernstzunehmende Studie handelt.

An Fakultäten kursiert ein böser Satz: „Publish in English or perish in German“ – „Publiziere auf Englisch oder verrecke auf Deutsch“. Denn Erfolg von Wissenschaft wird heute danach bemessen, wie oft man von Kollegen zitiert wird. Die Datenbanken dafür blicken eher auf englischsprachige Werke.

Dass Zitationsindizes kein zuverlässiger Gradmesser für Renommee und/oder Qualität sind, ist ebenfalls weitläufig bekannt, aber zugleich völlig sprachunabhängig. Das ist jedoch ein ganz anderes Thema.

Ja, das Deutsche hat als Wissenschaftssprache an Bedeutung verloren. Ist das schlimm? – Für WissenschaftlerInnen, deren Englisch nicht über Kinderbuchniveau hinausgeht, vielleicht. Für Philosophen, die noch der Mär anhängen, dass das Denken in der Sprache verwurzelt sei, vielleicht auch. Ansonsten ist der Niedergang des Deutschen als Wissenschaftssprache genauso wie sein einstiger Aufstieg einfach ein historical accident. Keine geistige Verarmung, auch keine Erosion der deutschen Sprache. Die deutsche Sprache ist noch immer wohlauf – und sie zu pflegen, obliegt uns als WissenschaftlerInnen an anderer Stelle, nämlich wenn es darum geht, unsere Erkenntnisse nicht nur der Fachwelt, sondern auch der Öffentlichkeit zu vermitteln.

Das ist ein Aspekt, der im Artikel nicht erwähnt wird: Dass die Wissenschaft in der Öffentlichkeit oft genug als Elfenbeinturm wahrgenommen wird, liegt auch an Sprachbarrieren, die aber nicht nur zwischen unterschiedlichen Sprachen, sondern auch innerhalb einer Sprache bestehen. Meine Oma kann mit einem deutschsprachigen Text von oder über Kant genauso viel oder wenig anfangen wie mit einem englischsprachigen, und das gilt auch für viele Menschen meiner Generation. Wenn es einen Bereich gibt, in dem die Erhaltung bzw. Etablierung des Deutschen als Wissenschaftssprache sich als sinnvoll und gewinnbringend erweisen kann, dann ist es die Populärwissenschaft; ein Bereich, der leider etwas in Verruf geraten ist, weil ihn die Wissenschaft lange Zeit Laien überlassen hat, die manchmal gut gemeinte, aber selten gut gemachte Werke hervorgebracht haben. Das ist zum Glück im Begriff, sich zu ändern – gerade in meiner Disziplin, der Sprachwissenschaft, gibt es Blogs und Webseiten sowie mittlerweile vereinzelt auch Bücher, die das bezeugen.

Daher der Appell: Beklagen wir nicht die „Erosion“ des Deutschen als Wissenschaftssprache auf eigens dafür veranstalteten Jammertagungen oder in stattlich finanzierten Lamentierstudien – vielmehr sollten wir das Deutsche in der Nische, in der es sinnvoll ist, als Wissenschaftssprache fruchtbar machen. Und die Zukunft des Deutschen als Wissenschaftssprache liegt nun einmal auch und gerade in guter Populärwissenschaft.

Friedensnobelpreis für Hitler

Meine Kollegin und derzeitige Australien-Korrespondentin des Sprachlog Susanne Flach hat letzte Woche einen lesenswerten Beitrag über die Wahl der Deutschen Bahn zur „Sprachwahrerin des Jahres“ geschrieben. Ich persönlich finde ja den Zweitplatzierten bei dieser Wahl des Magazins „Deutsche Sprachwelt“, das immer wieder für ein paar Lacher gut ist, von denen leider die meisten im Halse steckenbleiben, noch viel spannender.  Die zweifelhafte Ehre des zweiten Platzes wird nämlich posthum Otfried Preußler zuteil, und zwar mit folgender Begründung:

Er konnte nicht verhindern, daß seine Bücher kurz nach seinem Tode Anfang 2013 politisch korrekt umgeschrieben wurden. Der Verlag machte etwa in einem Faschingskapitel der „Kleinen Hexe“ aus Eskimofrauen „Indianerinnen“, aus dem Hottentottenhäuptling einen „Seeräuber“ und aus den Negerlein „Messerwerfer“.

Abgesehen davon, dass das so nicht stimmt, da Preußler die Änderungen keineswegs nicht verhindern konnte, sondern sie – auch wenn er sich tatsächlich lange Zeit gegen solche Eingriffe gewehrt hatte – kurz vor seinem Tod noch abgesegnet hat [edit: zumindest, wenn man den Pressemitteilungen des Verlages glaubt], finde ich die Idee, einen Preis dafür zu verleihen, dass man etwas nicht verhindern konnte, außerordentlich innovativ und hätte da noch ein paar weitere Vorschläge:

  • Einen Pulitzer-Preis für „Twilight“-Autorin Stephenie Meyer, die nicht verhindern konnte, dass ihre ohnehin schon literarisch nicht eben hochwertigen (und unerträglich sexistischen) Bücher als Inspiration für noch schlechtere Softporn-Romane herhalten mussten, die wiederum eine Welle noch schlechterer SM-Phantasien in die Buchläden spülte.
  • Einen Oscar für Michael Curtiz, der nicht verhindern konnte, dass in den 80er-Jahren eine kolorierte Version seines Klassikers „Casablanca“ entstand.
  • Einen Preis der Freunde des Berliner Flughafens e.V. für meinen Vornamensvetter Stefan Anatolowitsch, der mit seiner eloquenten Stellungnahme zum Futur III die Fertigstellung des Berliner Flughafens leider auch nicht beschleunigen konnte.
  • Einen Bambi für Courage für Arnold Schwarzenegger, der trotz österreichischer Herkunft und einschlägiger Erfahrung als zeitreisender Terminator nicht verhindern konnte, dass anno 1889 Hitler geboren wurde.
  • Wo wir gerade bei Hitler sind: Einen Friedensnobelpreis für Napoleon und Hitler, die aufgrund ihrer gescheiterten Russlandfeldzüge und ihres unzeitigen Ablebens die derzeitige Krimkrise nicht verhindern konnten.
  • Und alle anderen Preise gehen dann bitte an mich, weil ich schon so viele Schwerverbrechen, Kriege, Völkermorde und Sprachwahlen nicht verhindern konnte, dass ich sie mir doch wirklich redlich verdient habe.

Um die Begründung der Preisvergabe doch noch einmal für einen Augenblick ernst zu nehmen (sofern das überhaupt möglich ist), kann man sie doch nur so verstehen, dass die Hinterwäldler Sprachweltler Begriffe wie Hottentotten oder Negerlein ernsthaft als Bereicherung der deutschen Sprache empfinden und für einen unentbehrlichen Bestandteil des deutschen Kulturguts halten. Das bedarf eigentlich schon keines Kommentars mehr. Umso trauriger ist es, dass in der deutschen Presse die Begründungen der „Sprachwelt“ zur Sprachwahrer-Wahl fast durchgängig völlig unkritisch zitiert werden.

PETITION: Homophobie unterrichten – Realsatire retten!

Was ist denn da los? Träume ich? Thomas Hitzlsperger outet sich als schwul – und ganz Deutschland findet es toll. Wo ist denn auf einmal die putzige Homophobie der Deutschen geblieben, die uns in ihrer Mischung aus verklemmter Spießbürgerlichkeit und schamfrei zur Schau gestellter Doofheit mit hoher Zuverlässigkeit immer wieder Perlen der alltäglichen Realsatire bescherte? Muss ich jetzt auf die nächste Kinderbuch-Debatte warten, um meinen Blutdruck in Wallung zu bringen? Doch weit gefehlt: Nur ein paar Kilometer von mir, im drollig-spießbürgerlichen Baden-Württemberg, erhebt sich gerade ein neues Bollwerk der Homphobie. Denn wenn ein ehemaliger Nationalspieler zu seiner sexuellen Identität steht, jubeln die Deutschen und klopfen ihm (zu Recht!) kollektiv auf die Schultern – aber wenn den eigenen Kindern plötzlich beigebracht werden soll, dass Homosexualität etwas ganz Normales ist, sprengt das dann doch den beschaulichen Horizont der Gartenzwergköppe aus dem Ländle – wie auch aus ganz Deutschland, denn wie die Karte zur regionalen Verteilung der Unterzeichnenden auf der Seite der entsprechenden Petition zeigt, kommen diese bei weitem nicht nur aus Baden-Württemberg. Und schon kriechen sie aus ihren Löchern, die begnadeten Realsatiriker, die bei solchen Debatten gerne das Wort führen (sämtliche Zitate aus der Kommentarseite der Petition):

Der Akademiker, der irgenwann mal irgendwie sein Medizinstudium geschafft hat und gern Fremdwörter benutzt, die er nicht versteht oder bewusst missbraucht, um seine eigene verquere Meinung als irgendwie qualifiziert dastehen zu lassen.

Ich bin Kinderarzt und sehe die dringende Notwendigkeit, unsere Jugendlichen nach zeitlos gültigen ethischen Normen zu informieren oder zu unterrichten und nicht nach ideologisch geprägten Weltanschauungen, die entweder einem opportunistischen Dem-Zeitgeist- Nachlaufen entspringen oder der gezielten Manipulation der Jugend dienen.

Die Wertkonservativen, für die die Ehe zwischen Mann und Frau die Norm bleiben muss, weil das ja schon immer so war. Oder weil nur aus dieser Verbindung Kinder hervorgehen. Weil ja Schwule und Lesben so viel mehr Kinder bekommen, wenn man sie diskriminiert.

Ich möchte nicht, dass unsere Kinder derart vom Staat erzogen werden und dass sie mit diesem Menschenbild verwirrt werden. Familien aus Mann und Frau aus deren Mitte Kinder hervorgehen sind und bleiben die Stütze und Zukunft eines Landes und sind Garant für die Entwicklung stabiler und gesunder Persönlichkeiten.

Die Gender-Allergiker, für die schon die Idee, dass Geschlechterrollen sozial konstruiert sein könnten, völlig abwegig ist, denn:

Genderismus ist eine abstruse und wissenschaftlich nicht haltbare Theorie.

Die Verschwörungstheoretiker, die Angst haben, dass ihre vermeintliche Mehrheitsmeinung von einer verschwindend kleinen Minderheit in Frage gestellt werden könnte. (Und schon wieder „Ideologie“, gleich im ersten Kommentar. Ernsthaft, kann nicht mal jemand diesen Leuten erklären, dass eine Meinung nicht ideologiefrei ist, nur weil es zufällig ihre eigene ist?)

Der ideologisierte neue Bildungsplan entspricht nicht dem Bildungsauftrag für ca. 90% der Bevolkerung! Die Minderheit von ca. 10 % sollen geachtet und geschützt werden nach dem GG der BRD, aber nicht ideologisch den Bildungsplan für die Mehrheit der Bevolkerung bestimmen!

Ich fühle mich als als ganz normaler Familienvater durch die ständige, zunehmend aggressive Propagierung unfruchtbarer Sexualformen durch entsprechende Lobbys in anmaßender Weise bedrängt und teilweise sogar unter Diskriminierungsverdacht gestellt, wenn ich für die eigentlich gesetzlich geschützte Ehe von Mann und Frau eintrete.

Die Mahner, die DDR-Verhältnisse befürchten, wenn der Staat in die Erziehung ihrer Kindung eingreift. Weil „Bildung“ ja bedeutet, Flüssenamen und binomische Formeln auswendig zu können und nichts mit Persönlichkeitsbildung zu tun hat.

Ich bin dagegen das der Staat den Bildung benutzt um eine Gesellschaftliche umerziehung durchzuführen. Ohne eine Volksabstimmung kann man keine Umerziehung durchführen. Sexuelle Vielfalt muss keine bereicherung für ein Volk bedeuten, mit so eine Umerziehung kann mann keine Toleranz erzwingen sondern das gegenteil bewirken. Gleichheit kann man zwang Erziehung nicht erzwingen daher gibt es auch kein NPD VERBOT.

Die Mahner, die sich um die Gesundheit ihrer Kinder sorgen, weil man ja mit Homosexualität – genau wie mit Gentechnik und Handystrahlung – noch so wenig Erfahrung hat, und wenn man nicht weiß, welche Risiken etwas mit sich bringt, probiert man es besser gar nicht erst aus. (Hab ich mir damals auch gedacht, als ich meine Baupläne für die eierlegende Wollmilchsau, die den Welthunger beendet und außerdem Friedefreudeeierkuchen gestiftet hätte, zerrissen und anschließend aufgegessen habe. Ätsch.)

Das Ausmaß und die Auswirkungen von „nichtnormalen“ Partnerschaften ist derzeit noch nicht absehbar und meiner Meinung nach die Ursache für viele psychische und vor allem Identitätsprobleme, die sich jedoch erst in den nächsten Jahren mit ganzer Schwere zeigen werden.

Weil es nicht sein darf, dass eine Minderheit in unserem Land darauf Einfluss nimmt wie Kinder in Deutschland in Zukunft geprägt werden und weil es nach meiner Lebensauffassung (in der ich auch NICHT diskriminiert werden möchte) wichtig ist die klassische Familie, mit einem männlichen Vater und weiblichen Mutter, als Wert unserer christlichen Kultur zu erhalten, da ich einen enormen Werteverfall in Deutschland befürchte, dessen Folgen noch nicht absehbar sind. Es ist(für mich) eine Katastrophe, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen den gleichen Stellenwert wie eine bis dato ’normale‘ Beziehung erhalten.

Die bibeltreuen Christen, die sämtliche gesellschaftlichen Entwicklungen seit der Aufklärung verschlafen haben.

Ich habe sechs Kinder. Der älteste Sohn geht bereits in die erste Klasse. Ich will, dass meine Kinder christlich erzogen werden. Die Bibel lehrt, dass eine sexuelle Beziehung nur zwischen Mann und Frau stattfinden darf (1. Mose 1,27; 3. Mose 18,22; Römer 1,18-32). Alles andere ist vor Gott eine große Sünde und ein Greuel. Außerdem ist jede außereheliche Beziehung auch eine Sünde.

Die doppelmoralinsauren Heteronormativen, die zwar nicht unbedingt etwas gegen Homosexuelle an sich haben, aber doch finden, dass Homosexualität irgendwie nicht normal ist, und deshalb auch ihre Kinder zu aufrechten Heterostaatsbürgern erziehen möchten.

Ich habe 4 Kinder und hoffe doch sehr das alle mal eine normale sexuallität haben werden. Wenn man „schwul sein“ und „lesbisch sein“ den Kindern als „normal“ beibringt, wissen sie bald nicht mehr, dass eine normale Bezihung Frau und Mann ist und nicht Frau und Frau oder Mann und Mann.

Sorry aber das ist einfach nicht richtig… Und was das wirklich nicht gut ist kann man halt auch nicht „weg-aufklären“

Ich bin dagegen dass Homosexualität als normal angesehen wird und es ist nicht richtig, dass diese auch in Schulen kleinen Kindern beigebracht wird. Toleranz gegenüber Homosexuellen ist ja in Ordnung, aber diese als Selbstverständlich hinzunehmen und diese noch gutzuheißen ist ewas ganz anderes.

Schutz vor Diskriminierung ist eine Sache. Aber allen Kinder den umstrittenen Lebenstil einer sexuell fehlentwickelten Gruppe als „normal“ zu präsentieren und ihnen deren Meinung aufzuzwingen, das geht definitiv zu weit!

Diejenigen, die dieses Regenbogen prinzip einfach scheinheilig finden und Rechtschreibung und Grammatik sowieso auch, weil… weil… äh, ja warum eigentlich?

Weil ich dieses Regenbogen prinzip einfach scheinheilig finde und ich möchte das meine Kinder nicht aufwachsen mit einer Betonung auf Transexuelle, Homosexuelle usw.

Seien wir ehrlich: Wollen wir diese realsatirischen Kopfgeburten begnadeter Alltagscomedians wirklich missen? Was wäre unsere Gesellschaft ohne diese selbsternannten Toleranzler, die ja gar nichts gegen Homosexuelle (oder Transsexuelle, oder Migranten, oder Frauen, oder, oder, oder) haben, aber sich mit Zähnen und Klauen dagegen wehren, dass diese Toleranz auch wirklich gelebt wird? Was wäre unsere Gesellschaft ohne den Kreisligakapitän, der vor Hitzlsperger den Hut zieht, um dann am Stammtisch schwulenfeindliche Witze zu erzählen; ohne die Personalchefin, die sich für Gleichstellung einsetzt, aber empört mit der Zunge schnalzt, wenn sie zwei Schwule oder Lesben küssen sieht; ohne den Realschullehrer, der eine unsäglich homphobe Petition startet und sie unter anderem mit folgendem herrlich lächerlichem Argument begründet:

In „Verankerung der Leitprinzipien“ fehlt komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern, (…) die deutlich geringere Lebenserwartung homo- und bisexueller Männer, das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern.

Und was wären wir ohne die Verschwörungstheoretiker, deren absurde Ansichten jede Satireseite überflüssig machen?

Die von einer Pädophilienlobby gesteuerte Zerstörung der natürlichen Scham der Kinder unter Missbrauch der Schulen, die Zerstörung des natürlichen Familen/christlichen und Schaffung eines neuen Menschenbildes mit vorgeburtlicher Kindsvernichtung und demografischen Desaster sind als eine Einheit kein Zufall, sondern politisches Programm einer Überbevölkerungsideologie und Eugenik im neuen Gewandt, die in den offiziellen Medien regelmäßig politisch korrekt verschwiegen oder kaschiert wird.

Wollen wir wirklich in einem Land leben, in dem keiner mehr die Lieblingsfrage der homophob-wertkonservativen Gartenzwergköppe stellt, in welchem Land wir eigentlich leben?

In was für einem Scheißland leben wir denn. Haben wir alle keinen Respekt mehr vor gar nichts?

Ich meine: Nein! Und starte jetzt deshalb meine eigene Petition. Damit nachfolgende Generationen nicht zu vernünftigen, selbst denkenden Wesen erzogen werden, die Toleranz und Gleichberechtigung leben, die, anstatt homophoben, rassistischen oder sonstwie diskriminierenden Dünnpfiff von sich zu geben, lieber langweilige Katzenbilder im Internet posten, fordere ich

a) die Einführung eines Schulfaches „Heteronormativität“,
b) das sofortige Verbot sämtlicher linker Spinnerparteien (Grüne, SPD, etc.),
c) die sofortige Schließung sämtlicher Internetseiten und -blogs, die diese Gutmenschen-Konsenssoße propagieren (einschließlich meines eigenen),
d) zum Zwecke der Umsetzung von c) die Wiedereinsetzung von Ursula von der Leyen als Superministerin für Familie und Internetzensur,
e) Verbannung des Sexualkundeunterrichts aus den Schulen (und der Evolutionslehre und des kopernikanischen Weltbilds),
f) Einführung einer angemessenen Herdprämie, damit aus Mädchen endlich wieder doofe Hausfrauen werden, die genug Zeit haben, ihre Kinder zu heteronormativen, sexistischen Spießbürgern zu erziehen.

Das sollte doch genügen, um die Realsatire zu retten, oder? – Auch wenn mir, um zum Abschluss noch einmal ernst zu werden, das Lachen schon bei den hier zitierten Kommentaren häufig im Halse stecken bleibt. Deshalb verlinke ich an dieser Stelle auch gern die Gegenpetition, deren Begründung zwar relativ kurz gehalten und etwas holprig formuliert ist, mit der sich aber trotzdem ein Zeichen setzen lässt gegen die noch immer allzu verbreiteten irrationalen Ängste, die sich nicht nur gegen Homosexuelle, sondern gegen jegliche vermeintliche Unterhöhlung vermeintlicher Normen und Werte richten: https://www.openpetition.de/petition/online/gegenpetition-zu-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens

„Beizeiten“ wird alles gut

Die Älteren unter uns erinnern sich: Vor mittlerweile schon über einem Jahr habe ich hier im Blog nach Beispielsätzen gefragt, in denen das Wort beizeiten vorkommt. Seitdem habe ich die Veröffentlichung der Ergebnisse immer wieder vor mir hergeschoben, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass ich den Blogbeitrag noch mit einer Korpusrecherche ergänzen wollte, statt mich „nur“ auf die Beispielsätze zu stützen. Jetzt bin ich endlich dazu gekommen, wenigstens eine kleine Korpussuche zu diesem Thema in Angriff zu nehmen.

Den Rest des Beitrags lesen »

A Defence of Mickey Mouse Linguistics, or: Some Frequent Misconceptions about Frequency

Today I’m writing in English for a change because I’d like to comment on a series of English blog posts by Pieter Seuren, the first of which you can find here. Although these posts were published a couple of months ago, my attention was drawn to them only now in a discussion about the nature of the mental lexicon. Both in the article linked above and in a series of blog posts about John Taylor’s book „The Mental Corpus“, Seuren criticizes the „frequency craze“ in (parts of) present-day linguistics. In doing so, he falls prey to some common misconceptions about usage-based theories of language. Since my own work is situated in a decidedly usage-based framework and since I have written a quite favorable review of Taylor’s monograph, I figured it made sense to dedicate a blog post to the question why I practice „Mickey Mouse Linguistics“ (as Seuren calls it) and why I think that this is an insightful way of studying language. I cannot provide a detailed analysis of Seuren’s arguments here. Instead, I will focus on some of his key arguments and show why I do not consider them entirely convincing (to say the least).

Den Rest des Beitrags lesen »