Wissen statt Ahnen oder: Hat Rheinland Pfalz noch eine Pers-Beck-tive?

von Stefan

Seit längerem verfolge ich schon den Plan, mit dem Bloggen anzufangen, doch einiges hat mich davon abgehalten, es in die Tat umzusetzen: Ich war mir unschlüssig, ob es ein Blog mit thematischem Schwerpunkt werden sollte (z.B. ein Sprachblog, derer es aber schon einige sehr gute gibt) oder vielleicht eher etwas Satirisches. Außerdem fehlte mir bislang der Anlass, einen ersten Beitrag zu schreiben.

Nun ist der Anlass gekommen, und zwar mit Wucht. Der Anlass heißt Julia Klöckner. Sie möchte gern Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz werden und hat gerade in einem Fernseh-„Duell“ ein Feuerwerk unfreiwilliger Komik gezündet. Auf die Gefahr hin, manche potentiellen Leser/innen mit diesem rein landesspezifischen Thema zu langweilen, komme ich nicht umhin, dazu ein paar Worte zu verlieren.

Um eines von vornherein klarzustellen: Auch wenn ich (mal mehr, mal weniger überzeugtes) Mitglied der SPD bin, habe ich mir Mühe gegeben, den Schlagabtausch fair und unvoreingenommen zu verfolgen. Auch bin ich sicherlich kein „Fanboy“ von Kurt Beck. Ich halte ihn für einen fähigen Ministerpräsidenten, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Kein Denkmal, keine Legende und schon gar nicht fehlerfrei. Auch er hat in diesem „Duell“ nicht nur Pluspunkte gesammelt. Wie er recht beiläufig über die Blitzernennung des OLG-Präsidenten Bartz durch Justizminister Heinz Georg Bamberger hinweggegangen ist, die vielleicht nicht – wie die Opposition behauptet – verfassungswidrig war, wohl aber in höchstem Maße unanständig; wie er bisweilen zu rhetorischen Tricks gegriffen hat, die er im gleichen Atemzug seiner Konkurrentin vorwarf – das waren keine guten Schachzüge, und an solchen Stellen wurde deutlich, was die Opposition meint, wenn sie der rheinland-pfälzischen SPD-Alleinregierung „Arroganz der Macht“ vorwirft.

Dennoch war Beck, der sonst aufgrund seines bisweilen etwas unbeholfenen Auftretens eher dazu neigt, die Lacher unfreiwilligerweise auf seiner Seite zu haben, der weitaus Sachlichere in dieser Diskussion. Klöckner hingegen: ein Trauerspiel. Ich war überrascht und entsetzt zu sehen, dass sie in der öffentlichen Rezeption des „Duells“ doch recht gut abgeschnitten hat, wobei vor allem ihr natürliches Auftreten und ihre Angriffslust immer wieder gern angeführt wurden – etwa in der anschließenden Diskussionsrunde von der Chefredakteurin der „Bunten“, die sich offenbar eigens für diesen Zweck die Frisur von Claudia Roth geliehen hatte. Ist das der „Guttenberg-Effekt“? Sind Menschen so leicht durch Worthülsen und wohlklingende Phrasen zu gewinnen?

Noch einmal: Ich habe mich wirklich bemüht, unvoreingenommen zuzusehen. Im Vorfeld war ich sogar fast überzeugt, dass Klöckner Beck an die Wand argumentieren würde. Sie macht im Allgemeinen einen forschen, zielstrebigen, zugleich kompetenten Eindruck und schien die idealen Voraussetzungen mitzubringen, um den behäbigen Beck alt aussehen zu lassen. Hin und wieder ist ihr dies ansatzweise gelungen. So versuchte sie, die diversen Affären und Skandale als System darzustellen – rhetorisch nicht ungeschickt; doch versäumte sie es, auf die Gegenargumente Becks einzugehen und wirkte durch ihr Herumreiten auf diesen Geschehnissen früher oder später wie ein trotziges Kind. Sicher, man kann es ihr kaum verdenken: Nürburgring, Schlosshotel, „Schwiegersohnaffäre“ – das waren Wahlkampfgeschenke sondersgleichen an die Opposition. Beck reagierte pflichtschuldigst mit dem Verweis auf die CDU-Finanzaffäre, was Klöckner, das muss man ihr lassen, überzeugend parierte.

„So schlecht war sie ja also doch nicht“, könnte man jetzt sagen. Leider doch. Denn einige „Hämmer“, die sie sich geleistet hat, waren derart peinlich, dass ich vor lauter Fremdschämen am liebsten im Boden versunken wäre. Der erste dieser groben Schnitzer war besonders unglücklich platziert, gleich zu Beginn des „Duells“ – und jeder weiß, wie wichtig der erste Eindruck ist, wenn es um die Sympathie der Zuschauer (und damit auch der Wähler/innen) geht.

Frage des Moderators, zugegebenermaßen ein wenig gemein: „Kurt Beck ist der dienstälteste Ministerpräsident, sicher auch der erfahrenste. Vor Ihnen haben sich schon zwei Ihrer Parteikollegen an ihm abgearbeitet, Johannes Gerster und Christoph Böhr. In einem Satz: Was können Sie besser als die beiden vor Ihnen?“

Klöckner: „Herr Frey, mit Verlaub, ich denke, heute Abend geht es nicht um die Fragen (!), was ich besser im Vergleich zu Vorgängern kann -“ An dieser Stelle war eigentlich klar, wie der Satz weitergehen muss: „…sondern um die Frage, was ich besser kann im Vergleich zu Kurt Beck.“ Das wäre sicherlich keine besonders originelle, aber immerhin eine rhetorisch nicht ungeschickte Fortführung gewesen. Statt dessen wagt Klöckner den vielleicht haarsträubendsten Themenwechsel der deutschen Fernsehgeschichte: „… heute Abend bewegt uns was Anderes, das is nämlich Japan, das is die Frage nach der Atomkraft und das is die Frage, was das heißt für Deutschland, für die Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer, und Japan ist eine Zeitenwende, Japan ist ein Einschnitt, das heißt, wir müssen auch, ähm, Altes über Bord werfen, Neues denken, und das heißt auch, dass wir nicht die Debatten von gestern führen, sondern in das Morgen schauen und gemeinsam eben für Sicherheit sorgen und dass die Menschen eben keine Sorgen haben müssen. Das ist das, was mich heute bewegt.“

Puh, erst mal durchatmen. Dazu gibt es dreierlei zu sagen:

Erstens: Setzen, sechs. Frage verfehlt. Klöckner lenkt die Diskussion nach Gutdünken in eine Richtung, die gerade en vogue ist, mit der man gut Wahlkampf machen kann, die aber relativ wenig mit Landespolitik zu tun hat. Umso heuchlerischer wirkt es, wenn sie kurz darauf Beck vorwirft, schon am Samstagmorgen nach dem Erdbeben auf dem Rücken von Toten Wahlkampf gemacht zu haben.

Zweitens: Nehmen wir noch einmal ihren Satz und ersetzen alle Phrasen und Worthülsen durch „Heidideldei, sprach die Schalmei“ und vergleichbar sinnfreie Reimspielchen.

Klöckner: „Herr Frey, mit Verlaub, ich denke, heute Abend geht es nicht um die Fragen, was ich besser im Vergleich zu Vorgängern kann, heute Abend bewegt uns was Anderes, das is nämlich Japan, das is die Frage nach der Atomkraft und das is die Frage, was das heißt für Deutschland, für die Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer, und Heidideldei, sprach die Schalmei, Japan ist ein Einschnitt, das heißt, wir müssen auch, ähm, heidideldum, die Biene macht brumm, und das heißt auch, dass wir nicht tandaradei, aus Grieß macht man Brei und gemeinsam eben für Sicherheit sorgen und tideldidi, ich kaufe ein i. Das ist das, was mich heute bewegt.“

Und weil mir nicht allzu viele sinnfreie Reime eingefallen sind, war ich hier bei der Bewertung noch großzügig.

Drittens: Was hat diese Frau Klöckner nur mit ihrer im Laufe des Abends vielbeschworenen Zeitenwende? Japan ist keine Zeitenwende! Die Atomkraftwerke hierzulande sind genauso sicher oder unsicher, wie sie es vor zwei Wochen waren. Was auf der anderen Seite der Welt passiert ist, hat keinen Einfluss auf uns. Sicher, es bewegt uns und es könnte auch spürbare ökonomische Einflüsse nach sich ziehen. Und vielleicht hat es tatsächlich im Denken vieler Bürgerinnen und Bürger eine Wende herbeigeführt. Es ist traurig genug, dass es dazu eines solchen Anlasses bedurfte. Noch einmal: Ganz nüchtern betrachtet, markieren die Geschehnisse in Japan alles andere als eine Zeitenwende. Wenn es in der Atomfrage ein Datum gibt, das man mit einigem Recht so bezeichnen könnte, dann ist das der 26. April 1986. Und auch dieser Einschnitt war keiner, denn er führte lediglich die Gefahren vor Augen, um die man längst wusste.

Die Atomfrage ist ein weites Feld, um das es hier nicht gehen soll. Auch weiß ich zu wenig darüber, um kompetent beurteilen zu können, wie schnell ein Atomausstieg realistischerweise möglich wäre, ohne eine massive Schädigung der Infrastruktur, der Wirtschaft und damit auch eine enorme Verschlechterung der Lebensbedingungen in Kauf nehmen zu müssen. Klar ist, dass wir mittelfristig Alternativen finden müssen; klar dürfte aber auch sein, dass ein sofortiger Ausstieg, gelinde gesagt, problematisch wäre.

Aber wie sagte schon Klöckner zu Beck: In Rheinland-Pfalz gebe es doch gar keine Atomkraftwerke, und deshalb solle er doch bitte schön nicht die beleidigte Leberwurst spielen, weil zum diesbezüglichen Treffen nur CDU-Ministerpräsidenten von der Bundeskanzlerin eingeladen worden seien. Wer hatte doch gleich im Rahmen des „Duells“ die Rede auf die Atomkraft gebracht? Ein weiteres Argument, das fassungslos machte und ebenfalls mehrfach wiederholt wurde: Mit dem rot-grünen Atomausstieg wäre man jetzt nicht so weit wie mit dem kurzfristig verhängten schwarz-gelben (bzw., genauer gesagt, Merkelschen) Moratorium. Ähm – wie war das mit der Zeitenwende? Ohne Japan hätte es das Moratorium doch gar nicht gegeben, und was eine rot-grüne Regierung in dieser Situation gemacht hätte, weiß man nicht und kann man nicht wissen; daher ist es müßig, darüber zu diskutieren. Dieses Argument versagt folglich auf allen Ebenen.

Derlei argumentatorische Kardinalfehler zogen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Sendung. Natürlich, Schlagfertigkeit und Spontaneität verlangen manchmal gewisse Abstriche, was die Ausgefeiltheit der Argumente angeht. Das wäre auch alles nicht so schlimm, wenn Julia Klöckner Argumente gebracht hätte. Statt dessen: Worthülsen, Phrasen, noch mehr Worthülsen, noch mehr Phrasen. Beck war in dieser Hinsicht nicht durchgehend besser, hat insgesamt aber doch einen weit überzeugenderen Eindruck hinterlassen, da er zumindest einige wenige konkrete Pläne benannte (auch wenn man sich, wie ein Kommentator in der „Rheinpfalz“ zu Recht anmerkte, fragen muss, warum er nicht vieles davon längst umgesetzt hat).

Zu den Punkten, bei denen ich selbst ein wenig „schwarz“ angehaucht bin, gehört zweifelsohne die Bildungspolitik. Die Forderung nach höherer Qualität und länderübergreifender Vergleichbarkeit unterstütze ich mit vollem Herzen. Auch bin ich der Überzeugung, dass wir ein mehrgliedriges Schulsystem brauchen, das allerdings erstens ein hohes Maß an Durchlässigkeit gewährleisten muss und zweitens nicht dazu führen darf, dass Schüler/innen einer bestimmten Schulart als Menschen zweiter oder dritter Klasse abgestempelt werden. Hier ist ein gesamtgesellschaftliches Umdenken Voraussetzung für die Aufrechterhaltung bewährter Strukturen in modifizierter Form. Hier hätte Klöckner die ideale Gelegenheit gehabt, zu punkten. Absolut Recht hatte sie mit ihrem Hinweis auf die allgemeie Unzufriedenheit von Lehrerinnen und Lehrern mit der Schulpolitik der rheinland-pfälzischen Bildungsministerin Doris Ahnen, in Lehrerzimmern auch liebevoll „Doris Ahnungslos“ genannt. Leider ging sie jedoch nicht auf die wirklich entscheidenden Punkte ein. Sie hätte auf den „versteckten“ Unterrichtsausfall hinweisen müssen, der dadurch zustande kommt, dass schon in den Lehrplänen Stunden gekürzt werden, die folgerichtig nicht mehr in die Statistik eingehen. Statt dessen drosch sie die üblichen Phrasen, malte das Schreckensszenario einer Einheitsschule an die Wand, sprach von „Rekordunterrichtsausfall“ und dergleichen. Beck hielt nüchtern Zahlen und Statistiken entgegen, versäumte es aber freilich, beispielsweise auf das Festhalten der CDU an Studiengebühren einzugehen. Von beiden Seiten auch kein Wort davon, dass Bildung nicht oder zumindest nicht nur eine Sache des Zeitgeists und des Elternwillens sein darf. Es gibt eine eigene Wissenschaft, die Schulforschung betreibt und nicht mit Vorurteilen, sondern mit empirisch gestützten Argumenten Vorschläge zur Optimierung der Bildungslandschaft unterbreitet. Hier hätte Beck Klöckners Argument die Schärfe nehmen können: Unabhängig davon, ob sie die beste Schulform ist, stellt eine „Einheitsschule“ nach Meinung führender Pädagogen eben kein Schreckensszenario dar, sondern bringt auch viele Vorteile mit sich (die auch ich sehe, ohne sie deshalb vorbehaltlos zu befürworten).

Viele Versäumnisse also auf beiden Seiten – dennoch auch hier: Punkt für Beck, weil er nüchtern mit (wenn auch zweifelsohne schöngerechneten) Zahlen und Fakten argumentierte, statt sich von Klöckner auf die emotionale Ebene ziehen zu lassen. So wirkte er deutlich souveräner, während es seiner Konkurrentin hier ebenso wie bei allen anderen Themen kaum gelang, Stammtischniveau zu überschreiten. Endgültig disqualifizierte sie sich aber mit drei Worten, die dem sonst stoisch bis beleidigt dreinblickenden Beck ein mitleidiges Schmunzeln abrangen und bei denen sie sich auch selbst ein „Oh-Gott-war-der-schlecht“-Grinsen kaum verkneifen konnte:

„WISSEN STATT AHNEN!“

Nein. Nein. Nein. Neinneinneinneinnein. Nein, nein, nein, nein! NEIN! NEIN!! NEIN!!! NEEEEEEIIIINN!!! Nein. Nein. Nein. Nein. Nein! Nein!! Nein!!! NEIN! Nein. Nein. Neinnein. Nein. Nein. Nein. NEIN NEIN NEIN! Nein! Nein. Nein. Nein. Nein. Nein!! Nein.

Um Gottes Willen. Hat sie das wirklich gesagt?

Ja, sie hat.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Nein. Nein! NEIN!

Vor kurzem hat die „heute-show“ Kurt Beck völlig zu Recht den Preis für das schlechteste Wortspiel verliehen, aufgrund seiner Werbekampagne „Pers-Beck-tive“. Ich fürchte, man muss ihm den Preis wieder abnehmen.

Sollte Julia Klöckner Ministerpräsidentin werden, steht uns wohl wirklich eine Zeitenwende bevor. Oder wie es die Iren derzeit im ihnen eigenen Fatalismus formulieren: „It’s the Enda the world as we know it.“ Bei uns hieße es dann wohl Apoklöcklypse oder Armaklöcknon. Was? So viel schlimmer als „Wissen statt Ahnen“ (oder, um fair zu bleiben, „Pers-Beck-tive“) sind die beiden auch nicht…

Nachtrag: Wer das Duell noch nicht gesehen hat oder noch einmal sehen möchte, kann dies (derzeit noch) hier tun: http://www.swr.de/nachrichten/wahl/-/id=7501710/did=7776054/pv=video/nid=7501710/1luylgs/index.html

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