Strahlendes Inferno – Teil 1

von Stefan

Nur noch wenige Wochen trennen uns vom Jüngsten Gericht, das, wie ein US-amerikanischer evangelikaler Geistlicher herausgefunden haben will, am 21. Mai ansteht, kurz bevor dann einige Monate später die Welt untergeht. Dass dies theologisch gesehen Unfug ist, soll uns an dieser Stelle nicht weiter bekümmern – für Medienvertreter ist es allemal ein gefundenes Fressen, das zudem auf unheimliche Weise zum gegenwärtigen Zeitgeist passt.

Doch halt, das soll keines dieser kulturpessimistischen „Alle drehen durch, die Welt spielt verrückt, und früher war eh alles besser“-Pamphlete werden. Vielmehr möchte ich jener gewissen Tendenz zur völligen Übertreibung, ja Hysterie, die sich bisweilen in den Medien, aber auch in der Gesellschaft auf ganz unterschiedliche Weise manifestiert, mit einigen weitgehend zusammenhanglosen Gedanken nachspüren.

In den letzten Tagen war dieser Hang zur Überzeichnung ins Negative in vielfacher Weise präsent. In Zusammenhang mit den tragischen Ereignissen in Japan war plötzlich alles, selbst etwas so Nebensächliches und Unbedeutendes wie das Wahlergebnis der FDP, ein „GAU“ oder „Super-GAU“, und kaum kommt es auf einer deutschen Autobahn einmal zu einem etwas größeren Unfall, ist diese Massenkarambolage gleich ein „Inferno“ (so etwa die „Frankfurter Neue Presse“, sogar der „Spiegel“, natürlich die „Bild“ und auch ihre etwas seriösere Springer-Schwester „Die Welt“, jeweils in den Online-Ausgaben). Während in der leichtfertigen Verwendung des Begriffes GAU wohl auch ein gewisses Maß an Galgenhumor mitschwingt, wirkte die Rede vom Inferno in bezug auf das zweifellos recht heftige Unglück auf mich zunächst höchst unpassend, als man mich zum ersten Mal darauf aufmerksam machte, da ich es einfach nicht mit einem Autounfall – selbst in dieser Größenordnung – in Verbindung bringen konnte. Da eben dies den Anstoß für diesen Artikel gab, bin ich zunächst einmal der Frage nachgegangen: Was verstehen wir eigentlich unter einem Inferno? Und weil die Beantwortung dieser Frage doch mehr Raum einnimmt als ursprünglich gedacht, werde ich die weiteren zusammenhanglosen Gedanken in einen zweiten Teil auslagern, der hoffentlich nächste Woche folgt. Hier sollen zunächst sprachwissenschaftliche und sprachphilosophische Überlegungen im Vordergrund stehen.

Durchsucht man mit Hilfe des „Cosmas II“-Clients des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) die Ausgaben des „Mannheimer Morgen“ nach diesem Begriff, so stößt man unter anderem auf folgende Verwendungsweisen (Zufallsauswahl per Computer):

– Brände – 21 Belege
– Explosionen – 3 Belege
– kosmische Ereignisse – 3 Belege
– heftige Stürme – 1 Beleg
– Erdbeben – 1 Beleg
– Schiffsunglücke – 1 Beleg
– Flugzeugabsturz – 2 Belege
– Hindenburg-Katastrophe – 2 Belege
– Krieg – 9 Belege
– Holocaust – 1 Beleg
– Terroranschläge am 11. September 2001 – 2 Belege
– Sonstige Terroranschläge – 3 Belege
– Zugunglück – 2 Belege
– Seilbahnunglück – 4 Belege
– Theater und Film – 8 Belege
– Eigennamen: Filmtitel, Konzerttitel, Disconamen, Name einer Sportveranstaltung – 13 Belege
– erster Teil von Dantes Göttlicher Komödie – 5 Belege
– Weltuntergang – 3 Belege
– metaphorischer Gebrauch („strukturpolitische[s] Inferno“, 28.03.2000; „finanzpolitische[s] Inferno; 19.12.2000) – 2 Belege
– Massenkarambolage („Am 15. Februar hatte ein Sattelzug auf der Autobahn bei Sinsheim die Mittelleitplanken durchbrochen und ein Inferno ausgelöst: Sieben Menschen kamen in der Flammenhölle auf der A 6 ums Leben.“, 23.05.2000) – 1 Beleg

– Sonstiges: Gefahrenübung – 1 Beleg

– nicht berücksichtigt: 4

(Der Übersichtlichkeit halber habe ich die Daten der jeweiligen Belege unten in den Anhang ausgelagert, sodass sie mit Hilfe von Cosmas II nachgeprüft werden können.)

Es ergeben sich natürlich teilweise Überschneidungen: So bezieht sich ein unter „Theater und Film“ eingeordneter Beleg vom 17.10.2001 auf die filmische Darstellung des Vietnamkrieges in „Apokalypse Now“, hätte mithin auch unter „Krieg“ eingeordnet werden können. Umgekehrt beziehen sich einige der unter „Krieg“ eingeordneten Belege auf konkrete Bombenangriffe, bei anderen geht aus dem Kontext nicht mit völliger Sicherheit hervor, ob sie sich auf den Krieg, den Holocaust oder die Situation im Dritten Reich als Ganzes beziehen. Die hier vorgenommene Kategorisierung ist also durchaus nicht alternativlos.

Linguistinnen und Linguisten wissen natürlich, dass das „Cosmas II“-Korpus nicht nur den „Mannheimer Morgen“ enthält. Sämtliche 4239 Belege oder auch nur die per Zufallsauswahl angezeigten 1000 auszuwerten, hätte jedoch meinen Terminkalender etwas durcheinandergebracht. Deshalb habe ich mich auf eine Zeitung beschränkt. Wenn die Ergebnisse halbwegs repräsentativ sind (in einer ordentlichen wissenschaftlichen Untersuchung wäre das natürlich noch genauer zu überprüfen), lässt sich also festhalten:

a) Am häufigsten wird der Begriff für Großbrände verwendet, ansonsten zumeist für Konzepte, die in irgendeiner Weise Katastrophencharakter haben. Darauf werde ich gleich noch näher eingehen.
b) In vielen Fällen wird der Begriff auch als Eigenname gebraucht oder auf fiktionale Infernos angewandt. Da es durchaus einen Unterschied macht, ob ich den Untergang der Burgunden bei den Nibelungenfestspielen oder die Terroranschläge am 11. September als „Inferno“ bezeichne, habe ich Realität und Fiktion bei der Auswertung des kleinen Korpus streng getrennt.
c) Die Gebrauchshäufigkeit des Begriffes schwankt ein wenig, aber hat, zumindest im „Mannheimer Morgen“, keineswegs signifikant zugenommen. Betrachtet man alle Belege, ist zwar ein enormer Zuwachs der Belegstellen im Laufe der 90er-Jahre festzustellen, was aber durch die wachsende Zahl der erfassten Korpustexte zu erklären ist (viele der Zeitungen, aus denen das Korpus im wesentlichen besteht, sind nämlich erst ab den 90er-Jahren oder gar erst ab dem neuen Jahrtausend erfasst).

Die Bedeutung des Begriffs Inferno möchte ich gern mittels zweier parametrisch zu verstehender Eigenschaften darstellen. Zum einen beinhaltet ein prototypisches Inferno ein „Feuer“ oder gar eine Feuersbrunst, zum anderen zeichnet es sich durch ein Merkmal aus, das ich – weil mir gerade kein gleichermaßen griffiger deutscher Begriff einfällt – als „Massive Impact“ bezeichnen möchte. In den unterschiedlichen Konzepten, die mit Inferno bezeichnet werden, sind diese beiden Merkmale in unterschiedlichem Maße gegeben. Um zwei rein hypothetische Extreme anzuführen: Es wäre durchaus denkbar, den Begriff Inferno auf eine Krankheitswelle großen Ausmaßes, etwa die Pest, anzuwenden, die gänzlich ohne den Feueraspekt auskommt; zugleich könnte man ein Feuer damit bezeichnen, das kontrolliert herbeigeführt wird – etwa als Forschungsexperiment oder Showeffekt – und keinerlei Schaden jedweder Art anrichtet. Im ersteren Fall fällt also die Feuerkomponente weg, während die „massive impact“-Komponente umso stärker ausgeprägt ist; im letzteren Fall ist es umgekehrt. Die Bedeutungskomponente „massive impact“ lässt sich aber gleichwohl als notwendige Bedingung sehen, denn selbst im Beispiel des kontrollierten Feuers ist sie als Möglichkeit vorhanden, in anderen, ebenfalls denkbaren Beispielen vor allem in fiktionalen Kontexten als unabdingbare Assoziation oder bewusst evozierte Imagination.

Weitere, eventuell hinzutretende Bedeutungsaspekte sind, so denke ich, von untergeordneter Relevanz. So ist es im Grunde unerheblich, ob das Inferno durch eine Naturgewalt oder durch Menschengewalt ausgelöst ist. In seiner ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der Begriff freilich etwas Metaphysisches – wobei die leibliche Konkretheit, mit der die Menschen der Vormoderne das Jenseits imaginierten, keineswegs unterschätzt werden darf. Die Übertragung auf weltimmanente Geschehnisse lag also durchaus nahe. Der Aspekt der Gewalt im abstrakten Sinne einer entfesselten, unkontrollierbaren Macht ist aber in allen Verwendungsweisen präsent.

Doch zurück den beiden Eigenschaften, die ich als Hauptkonstituenten sehe und anhand derer ich nun erklären möchte, warum die Verwendung des Infernobegriffs in bezug auf eine Massenkarambolage per se wohl nicht nur auf mich recht merkwürdig wirkt, während sie im Blick auf die konkrete Massenkarambolage am vergangenen Freitag eine gewisse Berechtigung besitzt. Schauen wir uns anhand der oben erarbeiteten Merkmale bzw. Parameter einmal einige häufige Verwendungsweisen an und analysieren sie im Blick auf die genannten Bedeutungskomponenten, wobei „-“ bedeutet, dass das Merkmal nicht erfüllt wird. „+“ hingegen bedeutet: Das Merkmal wird in einfachem Maße erfüllt; „++“ zeigt an: Das Merkmal wird in sehr hohem Maße erfüllt. Ein „?“ weist darauf hin, dass das Merkmal – je nachdem, auf welches konkrete Ereignis sich die jeweilige Verwendung bezieht – in unterschiedlichem Maße erfüllt sein kann. (Dass diese Bewertung der Merkmalsausprägungen in gewissem Grade subjektiv bleiben muss, versteht sich von selbst.)

Hölle
++FEUER ++MASSIVE IMPACT

Großbrände
++FEUER ?MASSIVE IMPACT

Erdbeben
-FEUER ++MASSIVE IMPACT

Zugunglück (z.B. Eschede)
-FEUER +(+)MASSIVE IMPACT

Krieg
+FEUER ++MASSIVE IMPACT

Terroranschlag
?FEUER +(+)MASSIVE IMPACT

Weltuntergang
?FEUER ++MASSIVE IMPACT

(Hinweis: -FEUER bedeutet nicht, dass z.B. das Zugunglück nicht auch mit Bränden einhergehen kann, sondern lediglich, dass man das betreffende Ereignis nicht sofort und in erster Linie mit Feuer in Verbindung bringt.)

Der Begriff „Massive Impact“ ist natürlich ungeheuer interpretationsoffen – aber mir scheint, dass er gerade darum diese Bedeutungskomponente recht gut erfasst. So gab es beim Zugunglück von Eschede gewiss bei weitem nicht so viele Tote wie etwa bei den Terroranschlägen aufs World Trade Center – aber die kollektive Wirkung war groß genug, dass die Bezeichnung Inferno manchen Medien gerechtfertigt schien. Bei einem kleineren Zugunglück, das weniger mediale Wellen schlägt, hätte die Bezeichnung eher unangebracht gewirkt – selbst dann, wenn der „Massive Impact“ theoretisch hätte eintreten können, wie vor wenigen Jahren beim Achsbruch eines ICE.

Meine These lautet daher: Die „Massive Impact“-Konstituente ist aus der Bedeutung des Wortes Inferno nicht wegzudenken, muss aber nicht faktisch erfüllt sein, solange die Feuerkomponente (in ausreichendem Maße) erfüllt ist. Ist das Merkmal „Feuer“ hingegen nicht erfüllt bzw. nur sekundär Teil des Konzepts, auf das Bezug genommen wird, genügt es nicht, wenn der „Massive Impact“ theoretisch erfüllt sein könnte – er muss de facto erfüllt sein (außer in fiktonalen Kontexten, wo aber eben die tatsächliche Erfüllung des Merkmals ebenfalls unverzichtbarer Teil des fiktionalen Geschehens ist), und er muss auch wirklich „massiv“ sein. Auch wenn es aus menschlicher Perspektive keinen Unterschied macht, ob nur ein paar Hanseln ums Leben kommen oder ganze Hundertschaften, ist diese Unterscheidung sozusagen für die „Infernohaftigkeit“ des Geschehens doch bedeutend.

Langer Rede kurzer Sinn: Als ich zum ersten Mal vom „Inferno“ hörte, schien mir der Begriff deshalb äußerst unpassend, weil ich eine ganz „normale“ Massenkarambolage vor Augen hatte. Erst als ich dann nachlas, was es genauer mit der Katastrophe auf sich hatte, die vorher zugegebenermaßen ein wenig an mir vorbeigegangen war, wurde mir klar, dass die prägenden Eindrücke dieses Unfalls, wie er in den Medien wahrzunehmen war, nicht der Blechschaden und auch nicht in erster Linie die vielen Toten und Verletzten darstellten, sondern vor allem die ausgebrannten Fahrzeuge. Und plötzlich schien die Bezeichnung schon viel passender.

Davon unabhängig kann natürlich dennoch kritisch hinterfragt werden, ob man nicht sachlichere, weniger sensationslüsterne Begriffe verwenden könnte. Natürlich könnte man. Dass man es nicht tut, liegt, so denke ich, nicht etwa daran, dass alle Journalisten geld- und auflagengierig wären – sondern auch an unserer eigenen Gier nach Sensationen. Das ist sicherlich eine Binsenweisheit, aber eine, die wir gerne vergessen: In jedem von uns steckt eine kleine Bild-Leserin oder ein kleiner Bild-Leser – ja, mehr noch, sogar ein Redakteur…

(Fortsetzung folgt…)

Anhang

Für alle Interessierten: Das kleine „Mannheimer Morgen“-Korpus…
– Brände (9.12.1997; 17.4.1998; 20.10.1998; 4.12.1998; 8.5.1999; 3.1.2001; 27.6.2001; 9.7.2001; 21.11.2001; 3.1.2002; 23.12.2003; 17.7.2004; 25.10.2005; 27.2.2007; 19.3.2008; 5.5.2008; 7.11.2008 (hier Busbrand); 18.11.2008; 10.2.2009; 15.4.2009; 6.5.2010) – 21
– Explosionen (24.4.2004; 25.7.2008; 1.7.2008) – 3
– kosmische Ereignisse (16.3.1999, 16.10.1999; 11.4.2006) – 3
– heftige Stürme (5.10.1995) – 1
– Erdbeben (7.4.2001) – 1
– Schiffsunglücke (9.3.1996) – 1
– Flgzeugabsturz (18.7.2000; 2.11.2000) – 2
– Hindenburg-Katastrophe (24.4.2007, 5.5.2007) – 2
– Krieg (18.1.2002; 13.3.2002; 17.4.2002; 4.6.2004; 14.8.2004; 22.1.2005; 8.3.2005; 17.5.2005; 13.8.2009) – 9
– Holocaust (29.11.2006) – 1
– Terroranschläge am 11. September 2001 (15.09.2001; 11.9.2008) – 2
– Sonstige Terroranschläge (24.11.2003; 26.8.2005; 7.9.2005) – 3
– Zugunglück (28.08.1999; 7.11.2002) – 2
– Seilbahnunglück (14.11.2000; 16.7.2002; 12.10.2002; 20.2.2004) – 4
– Theater und Film (20.10.1995; 17.10.2001; 26.3.2003; 18.8.2003; 6.9.2003; 25.5.2004; 21.10.2006; 18.8.2007) – 8
– Eigennamen: Filmtitel, Konzerttitel, Disconamen, Name einer Sportveranstaltung (6.3.1998, 30.5.1998, 2.6.1998, 17.2.2001, 26.2.2001, 27.10.2004; 7.1.2005, 28.4.2005, 25.11.2005, 7.12.2005; 11.8.2006; 9.10.2006; 6.11.2009) – 13
– erster Teil von Dantes Göttlicher Komödie (25.8.2000; 18.2.2003; 10.2.2004; 26.7.2004; 13.12.2004) – 5
– Weltuntergang – religiös (28.4.2001; 6.11.2001, 25.9.2007) – 3
– metaphorischer Gebrauch („strukturpolitische[s] Inferno“, 28.03.2000; „finanzpolitische[s] Inferno; 19.12.2000) – 2
– Massenkarambolage („Am 15. Februar hatte ein Sattelzug auf der Autobahn bei Sinsheim die Mittelleitplanken durchbrochen und ein Inferno ausgelöst: Sieben Menschen kamen in der Flammenhölle auf der A 6 ums Leben.“, 23.05.2000) – 1

– Sonstiges: Gefahrenübung (16.4.2005) – 1

– nicht berücksichtigt: 4

Advertisements