Strahlendes Inferno – Teil 2

von Stefan

Unser Denken ist in starkem Maße von Stereotypen geprägt, die sich in vielerlei Hinsicht äußern. Uns dieser Stereotype bewusst zu werden und bewusst zu bleiben, ist eine immerwährende Aufgabe und zugleich die Essenz wissenschaftlichen Denkens. Alles fragen, alles hinterfragen: Unter diesem Motto muss bereits die schulische Bildung stehen, wenn wir auf eine Gesellschaft hinarbeiten wollen, die von selbstständigem, kritischem Denken geprägt ist und die Extremformen der Individuation und Milieuspaltung hinter sich lässt.

Mittlerweile liegen Fukushima und auch die Massenkarambolage einige Wochen zurück, und andere Themen haben die Titelseiten erobert. Eines dieser Themen ist das nunmehr beendete Parteiausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin, und die Reaktionen darauf zeugen einmal mehr von jenen Tendenzen, auf die ich im ersten Teil dieses Beitrags nicht mehr in der gebotenen Ausführlichkeit eingehen konnte.
Zunächst einmal zeugen die Reaktionen freilich von etwas ganz Anderem, nämlich von einer tiefen Spaltung der Gesellschaft (die aber – doch dazu später mehr – vielleicht gar nicht so tief ist, wie es zunächst scheinen mag). Aus ebendiesem Grunde war das Ergebnis des Ausschlussverfahrens auch keineswegs abzusehen, denn eines war klar: Wie die Schiedskommission auch entschied – sie würde sich Feinde machen, und zwar nicht eben wenige. Nun gibt es lautstarken Protest gegen den Verbleib Sarrazins in der SPD; wäre das Verfahren anders ausgegangen, so wären seine parteiinternen Befürworter auf die Barrikaden gegangen – und mit ihnen jene, die zwar nicht seine Thesen an sich teilen, aber für ein hohes Maß an Meinungspluralität innerhalb der eigenen Partei einstehen möchten.
Überspitzt könnte man sagen: Wer sich zu Sarrazin äußert, kann sich im Grunde genommen nur Probleme einhandeln. Dabei ist es nicht unbedingt oder zumindest nicht nur Sarrazin selbst, der polarisiert, sondern das Thema, das er behandelt. (Seine unsinnigen und in neueren Auflagen des Buches stillschweigend entschärften Äußerungen zur „Erbdummheit“ gewisser Teile der Menschheit seien hier einmal außen vor gelassen, da sie m.W. nie ernsthaft diskutiert wurden – hier besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass sie einfach untragbar sind.)
Schon seit längerer Zeit ist zu beobachten, dass in der Einwanderungsfrage wie auch bei anderen konfliktträchtigen gesellschaftlichen Themen die Ansichten auseinanderdriften. Dabei scheint es mir jedoch, dass in Kernfragen durchaus Einigkeit besteht: Nur wenige bezweifeln, dass es richtig ist, Einwanderern, wo nötig, politisches Asyl zu gewähren; dass man im Gegenzug einige bescheidene Erwartungen stellen kann – nämlich dass sie sich, sofern sich der Aufenthalt länger hinzieht, bemühen, die Sprache des Gastlandes ausreichend zu beherrschen, dass sie sich an hiesige Gesetze halten und sich auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten, salopp formuliert, nützlich machen – versteht sich ebenfalls von selbst. Auch gegen Einwanderer, die keines Asyls bedürfen, sondern freiwillig nach Deutschland kommen, hat kaum jemand etwas einzuwenden, solange sie sich an die genannten „Spielregeln“ halten. (Nur am Rande sei bemerkt, dass ich den Begriff „Spielregeln“ hier widerwillig gebrauche, weil mir kein besserer einfällt – widerwillig deshalb, weil ich ihn zu sehr mit restriktiven Pädagogen in Verbindung bringe und mir seine Verwendung in diesem Zusammenhang daher zu implizieren scheint, dass Migranten in irgendeiner Weise als „erziehungsbedürftig“ betrachtet werden…)
Jedoch scheint das Denken über „Menschen mit Migrationshintergrund“ (schon dieser sehr allgemeine Begriff lässt ja erahnen, wie heterogen diese Gruppe ist) in starkem Maße von Stereotypen geprägt, wie sie nicht nur Sarrazin zu verbreiten pflegt. Dass es durchaus „Problemfälle“ gibt, die dem geläufigen Klischeebild entsprechen, will ich nicht in Abrede stellen – wäre dem nicht so, gäbe es wohl auch das Klischee selbst nicht. Ich will nicht einmal behaupten, dass solche Fälle besonders selten wären. Das ist aber auch das Problem: Das Gefährliche nicht nur an Sarrazin, sondern – um ein Beispiel aus einem völlig anderen Bereich zu nennen – auch an so etwas wie der PISA-Studie ist ja gerade, dass diese Werke (im einen Fall pseudowissenschaftlich, im anderen Fall wissenschaftlich, jedoch mit durchaus nicht unumstrittenen Methoden) alltägliche Erfahrungen zu bestätigen scheinen und damit bestehende Klischees zementieren.
Mach eine(r) wird jetzt sagen: Wenn die Stereotypen doch in hohem Maße der Realität entsprechen, was ist dann dagegen einzuwenden? Die erste Antwort: Nichts. Natürlich denken wir in Kategorien, in Klischees, und ein Stückweit ist das auch gut so, weil wir sonst der Komplexität der uns vorfindlichen Welt kaum gewachsen wären. Die zweite Antwort: Gegen solche Stereotypen ist dann etwas einzuwenden, wenn wir uns nicht mehr darüber im klaren sind, dass es sich um Stereotypen handelt. Und, wohlgemerkt: Eine Floskel wie „Es gibt natürlich auch Andere“ relativiert ein Klischee nicht, sondern zementiert es nur noch mehr, denn im Grunde besagt sie: Auf eine Handvoll Leute mag das Klischee nicht zutreffen, aber die meisten Einwanderer / Muslime / Juden sind doof / können kein Deutsch / kacken im Stehen. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Während z.B. im Film und in der Literatur gerade das Klischee immer mehr als solches in den Blick kommt (sowohl in den Werken selbst als auch in ihrer Rezeption; man werfe nur einen Blick auf die absolut großartige, augenzwinkernde Seite http://www.tvtropes.com*), scheint in der Gesellschaft das Bewusstsein fürs Klischee zu schwinden, wenn es denn je da war. (Sollte es geschwunden sein, so hängt dies vielleicht auch damit zusammen, dass der „Input“ ein anderer ist als früher. Unser Leben ist ja in allererster Linie durch Arbeit einerseits sowie durch individuelle Freizeitgestaltung andererseits geprägt, während z.B. für das Engagement in Vereinen, wo sich höchst heterogene Menschengruppen gemeinsam einem Ziel oder einer Leidenschaft widmen, oft wenig Zeit und Muße bleibt. Auch die Kirche, von alters her ein Treffpunkt par excellence, spricht längst nur noch ganz bestimmte Milieus an.)
Es ist ja nicht so, dass ein Klischee 90 Prozent derjenigen, auf die es sich bezieht, angemessen beschriebe; vielmehr setzt es sich aus hervorstechenden Merkmalen einiger besonders exponierter Vertreter einer Kategorie zusammen, und auch wenn vielleicht einige Personen Teilbereiche des Klischees erfüllen mögen, so sind es doch in der Regel die allerwenigsten, die das Klischee in Gänze erfüllen.
Wenn man nun aber in Stereotypen denkt undnicht bemerkt, dass man dies tut, so tut man in vielen Fällen nicht nur ganzen Bevölkerungsgruppen Unrecht, sondern wird auch dem Anspruch nicht gerecht, den nahezu jeder an sich selbst stellen dürfte: eine zumindest halbwegs fundierte, gut begründete Meinung zu vertreten.
Ein schönes Beispiel hierfür ist ein großer Teil der Kritik an der Bild-Zeitung. Auf dieses Blatt zu schimpfen (das ich, Gott bewahre, nicht verteidigen möchte) ist mittlerweile so „mainstream“ geworden, dass es genügt, in einem mäßig intelligenten Liedtext unter Verwendung eines Wortspiels aus der „Bild“-Werbung auf das vage Klischee eines Bild-Lesers (oder einer Bild-Leserin) anzuspielen, um als ‚gesellschaftskritisch‘ bestaunt und allenthalben zitiert zu werden. Wenn das Bild-Bashing zum Bild-Leser-Bashing wird, begibt man sich auf das Niveau eines Bastian Sick, der in seinen Kolumnen jenen sprachlichen Distinktionshabitus bedient, mit dem sich akademische Kreise vom verachteten Pöbel abzugrenzen suchen. (Dass dies wohl nicht oder wenigstens nicht ganz seine Absicht ist, sei der Fairness halber am Rande erwähnt.)
Wie entziehen wir uns aber der Macht der Stereotypen? Wie entziehen wir uns dem Klischee vom Kopftuchmädchen, das kein Deutsch kann, nach vorzeitig abgebrochener Schullaufbahn Hartz IV bezieht und unzählige Kinder in die Welt setzt? Wie entziehen wir uns, umgekehrt, dem Klischee von bösen Ämtern und Behörden, die massenweise Menschen, die in Deutschland ein besseres Leben führen könnten, in ihre Heimat deportieren lassen? Wie entziehen wir uns dem Klischee vom faulen PISA-Schüler, der denkt, Kühe seien lila und Kartoffeln wüchsen auf Bäumen? Wie entziehen wir uns auch den Klischees, die wir von uns selbst bilden?
Es wäre vermessen, auf diese Fragen eine Antwort geben zu wollen. Ganz entziehen – siehe oben – können wir uns wohl kaum. Genügt es, wenn wir uns der „Klischeehaftigkeit“ unseres Denkens bewusst sind? Ein erster Schritt ist es allemal; einen weiteren Schritt (der vielleicht auch ein Stückweit Voraussetzung für den ersten ist) stellt zweifelsohne die Auseinandersetzung mit der Wissenschaft dar. Wer sich wissenschaftlich mit einer Fragestellung auseinandersetzt, wird früher oder später feststellen, wieviel Wahrheit in dem berühmten Aphorismus Kurt Tucholskys liegt: „Das Leben ist gar nicht so. Es ist ganz anders.“
Aus diesem Grund sehe ich heute, nach meinem Studium, manches anders als vor sechs Jahren, als ich gerade Abitur gemacht hatte. Damals hatte ich mich in einem Artikel in unserer Abiturzeitung noch äußerst süffisant über einige Unterrichtsinhalte geäußert, von denen ich fand, dass sie fürs spätere Leben wenig taugten – den „Schwänzeltanz der Biene“ etwa, den ich heute, als angehender Linguist, der sich quasi von Berufs wegen mit Kommunikation befasst, mit neuem Interesse zur Kenntnis nehme. Zu vielem, was ich damals geschrieben habe, stehe ich zwar auch heute noch, aber in einem wesentlichen Punkt muss ich mich korrigieren: „Fürs Leben lernen“ heißt nicht oder zumindest nicht nur, konkretes Wissen zu erwerben, das man im späteren Berufsleben gebrauchen kann. Vor allem heißt es, im weitesten Sinne eine Fähigkeit zur Wissenschaftlichkeit zu entwickeln – nach dem Motto: Alles fragen, alles hinterfragen, am allermeisten sich selbst.
Hier freilich besteht an deutschen Schulen durchaus noch Verbesserungspotential. Teils wird noch zu sehr der „Nürnberger Trichter“ strapaziert, teils werden Lernende – das andere Extrem – allzu sehr sich selbst überlassen. Beide Extreme sind wenig hilfreich. Ein ehemaliger Lehrer von mir sagte einmal, ein guter Lehrer müsse auch ein guter Wissenschaftler sein. Und in der Tat: Was kann man sich als Schüler Besseres wünschen als eine Lehrkraft, die aus einem reichhaltigen Wissens- und Erfahrungsschatz schöpft und die Begeisterung für wissenschaftliches Denken weckt? Allzu oft aber wird dieses Ziel verfehlt – nicht unbedingt, weil es den Lehrkräften an Motivation oder Kompetenz fehlte (das manchmal auch), sondern eher, weil der wissenschaftliche Anspruch implizit bleibt, wenn er überhaupt eine Rolle spielt und nicht der didaktischen Reduktion zum Opfer fällt.
Ich wage zu behaupten, dass eine stärkere Ausrichtung des Schulwesens auf (richtig verstandenes) wissenschaftliches Denken eine ganze Reihe positiver Effekte hätte. „Bildung, Bildung, Bildung“, so lautet stets das Mantra in der Politik – aber mehr Bildung erreicht man nicht, indem man Schulzeiten verlängert oder verkürzt; auch nicht unbedingt, indem man viele neue Lehrer einstellt und viel Geld in die Schulen pumpt (obwohl dagegen nur in den seltensten Fällen etwas einzuwenden ist). Entscheidend ist vielmehr das Grundkonzept. Hier gehen die Überlegungen der letzten Jahre durchaus schon in eine richtige Richtung – eines aber muss in noch weit stärkerem Maße gewährleistet werden, als es wahrscheinlich die meisten Theoretiker überhaupt für möglich halten würden (von den oft desillusionierten Praktikern ganz zu schweigen): Die Lernenden müssen wissen, warum sie lernen.
Das ist das A und O: erkennen, dass Bildung um der Bildung willen sinnvoll und auch gar nicht so selbstzweckhaft ist, wie es die Formulierung vermiten lässt. Zu dieser Erkenntnis, so behaupte ich einfach einmal, sind selbst Pubertierende durchaus fähig, wenn man es ihnen nur richtig nahebringt.
Ein solches Umdenken könnte der erste Schritt zu einer Gesellschaft sein, die weniger in Stereotypen denkt, die weniger anfällig ist für Vorurteile, die sie sich aus der „Bild“ oder dem „Focus“ zusammengeklaubt hat, die vielleicht auch in stärkerem Maße nicht-akademische Berufe, die heute in vielen Fällen zu Unrecht mäßiges Ansehen genießen und miserabel bezahlt sind, anerkennt, die die durch das enorme Bildungsgefälle (und das damit einhergehende Einkommensgefälle) entstehende Milieutrennung ein Stückweit überwindet und so weiter, und so fort. Natürlich: Das sind alles Utopien, und zwar sehr optimistische. Vielleicht sind diese Utopien selber schon Klischees. Wahrscheinlich hätte ich diesen Artikel, legte ich strenge Maßstäbe an, gar nicht schreiben dürfen, weil er wohl auch vor Klischees nur so trieft. Aber das Schöne an einem Blog ist ja, dass man vieles die innere Selbstkontrolle passieren lassen kann, was man sonst nicht so einfach durchgewunken hätte.
Um abschließend noch einmal auf den Hang zur Übetreibung zurückzukommen, der, so meine These, mit unserem Denken in Kategorien, in Karikaturen, in Klischees eng zusammenhängt: Als ich mit einigen Wochen Verspätung eine kurz nach Fukushima erschienene Ausgabe des „Stern“ zur Hand nahm, konnte ich mit Beruhigung feststellen, dass es durchaus noch Medien gibt, die der allgemeinen Sensationslust nur in begrenztem Maße verfallen sind. Der mit einer Serie von rund zwanzig großformatigen, je eine Doppelseite füllenden Katastrophenfotos eingeleitete Artikel trug nämlich den bodenständigen Titel „Die Apokalypse“.

* Natürlich ist ein Tropus nicht dasselbe wie ein Klischee oder ein Stereotyp, worauf auch die Seite selbst dezidiert hinweist. Aber abgesehen davon, dass Tropen durchaus als Wurzeln von Klischees betrachtet werden können, verwende ich den Klischeebegriff hier in einem recht weiten Sinne, ebenso wie den Begriff des Stereotyps, den ich weitgehend synonym gebrauche.

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