Ding dong, the witch is dead

von Stefan

Osama bin Laden

Osama bin Laden

Kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 geisterten Bilder durchs Fernsehen, die fast noch erschreckender waren als die Aufnahmen des in sich zusammenstürzenden World Trade Centers: Jubelnde Menschen, die den Terroranschlag feierten. Am Montag bot sich nun ein umgekehrtes Bild: Nach dem Tod Osama bin Ladens jubelten die Menschenmassen unter anderem vor dem Weißen Haus. US-Präsident Obama sprach von „Gerechtigkeit“, Bundeskanzlerin Angela Merkel gab ihrer „Freude“ über den Tod bin Ladens Ausdruck.
Es ist vielleicht das erste Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, dass der Tod eines Menschen in der westlichen Welt kollektiv Freude und Jubel auslöst. Natürlich gibt es auch zahlreiche kritische Stimmen, doch sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass – hier muss ich, wer hätte das gedacht, einmal Guido Westerwelle Recht geben – ein „Gefühl der Erleichterung“ dominiert. Eine Art aufgeregte Erleichterung war es auch, die ich empfand, als ich zum ersten Mal vom Tod bin Ladens hörte – nur um mich im nächsten Moment zu fragen: Freue ich mich gerade wirklich über den Tod eines Menschen?
Um eines von vornherein klarzustellen: Ich möchte keine Seite verurteilen. Diejenigen, die sich über den Tod bin Ladens freuen, kann ich ebenso gut verstehen wie jene, die auf diese Freude mit Skepsis reagieren. Statt dessen möchte ich ein wenig darüber nachdenken, wie die „Entmenschlichung“ eines Menschen vonstatten gehen kann.
Denn was allenthalben bejubelt wird, ist nicht der Tod des Menschen bin Laden. Deshalb würde ich auch dem Vorwurf entgegentreten, dass die jubelnden Menschenmassen vor dem Weißen Haus von Rachegedanken beflügelt gewesen seien. Solche Gefühle mögen eine Rolle gespielt haben, aber ich denke, auch hier überwog einfach die Erleichterung.
Der Jubel galt nicht dem Tod des Menschen bin Laden, sondern der Ausmerzung eines Symbols. Das war bin Laden geworden, er hatte sich selbst, mit tatkräftiger Unterstützung der Medien, dazu gemacht: Das Symbol eines radikalen, gemeingefährlichen Islamismus, der vor keiner noch so unmenschlichen Tat zurückschreckt, um seine Ziele zu erreichen. Der Vergleich zu Hitler, der sich ebenfalls über die Medien zu dem stilisierte, als was er heute noch wahrgenommen wird, drängt sich auf: Der Mensch Hitler ist selten Gegenstand der Diskussion – und wird er auch nur ansatzweise zum Thema gemacht, wie seinerzeit im Film „Der Untergang“, wird genau dies bisweilen heftig kritisiert.

Ganz ähnlich bei bin Laden: Schenkt man Wikipedia Glauben, war er ein „liebevoller, aber auch strenger Vater“ von mindestens zwei Dutzend Kindern. Natürlich spielt das in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle – zu sehr überwiegt der Eindruck des Terrors, für den er verantwortlich ist, zu sehr seine Selbstinszenierung als Kämpfer für den Islam, in der sein Familienleben ebensowenig eine Rolle spielt wie nahezu alles andere, was aus unserem Sicht einem Menschen seine „Menschlichkeit“ verleiht.

Nicht Osama.

Nicht Osama.

Nota bene: Ich schreibe Menschlichkeit (in Anführungszeichen), nicht Menschenwürde. Die Sache mit der Menschenwürde ist viel einfacher und doch viel komplexer. Die Idee hinter der Menschenwürde ist ja, dass sie allen Menschen zukommt – so weit, so einfach. Die Rahmenbedingungen sind ungleich komplizierter: Denn die Durchsetzung dieser Idee setzt ja erstens eine gewisse Einigkeit darüber voraus, dass Menschen diese Würde zukommt (denn solange man nicht auf metaphysische Begründungen zurückgreift, die nie allgemein konsensfähig sein können, ist jede Würde nur zugeschriebene Würde) und zweitens einen Konsens darüber, welche Lebewesen als Mensch zu betrachten sind und welche nicht. (Wer sich einmal vertieft mit Medizin- und Bioethik, z.B. mit dem moralischen Status menschlicher Embryonen, auseinandergesetzt hat, weiß, dass diese Frage gar nicht so einfach zu beantworten ist.) Auch wenn es vereinzelt Positionen gibt, die Menschenwürde als individuelle Leistung betrachten (z.B. Niklas Luhmann) oder an über das Menschsein hinausgehende Bedingungen knüpfen, so wird doch in aller Regel mit dem Menschenwürdebegriff die unbedingte moralische Verpflichtung bezeichnet, „den Menschen, weil er Mensch ist, mithin also: weil er eine individuelle Person ist und über alle Eigenschaften verfügt, die Personalität und Individualität konstituieren und aufgrund der normativen Implikationen des Personalitäts- und Individualitätsbegriffes als würdefundierend betrachtet werden müssen, als Menschen zu achten und zu respektieren, mithin die Unverfügbarkeit seines Lebens im Sinne der Unverrechenbarkeit jedes individuellen menschlichen Lebens gegenüber anderen, womöglich auf den ersten Blick höherwertig erscheinenden Gütern anzuerkennen.“ (Hier habe ich mir erlaubt, aus meiner Bioethik-Hausarbeit von 2008 zu zitieren – keine Sorge, die nächsten Sätze werden wieder kürzer.)
Beurteilt man die Tötung bin Ladens vor dem Hintergrund dieser Idee der Menschenwürde, kommt man nicht umhin festzustellen, dass hier eklatant gegen grundlegende Werte und Prinzipien unserer Zivilisation verstoßen wurde. Das Argument, dass dadurch vielleicht zahllose andere Menschen vor dem Tod bewahrt wurden, zählt nicht: Menschenwürde gilt in der Tradition Kants als inkommensurabel, d.h. sie kann nicht gegen andere Güter aufgewogen werden. So betrachtet, war die Hinrichtungsaktion geradezu steinzeitlich, und nimmt man den Gedanken der Menschenwürde in der hier skizzierten Form ernst, gibt es nichts, aber auch gar nichts, was dieses Tötungskommando rechtfertigen könnte.

Auch nicht Osama.

Auch nicht Osama.

Allerdings: Man tut sich schwer damit, Osama bin Laden Menschenwürde zuzusprechen. Natürlich, man muss es tun, wenn man die Idee der Menschenwürde ernst nimmt – aber leicht fällt es nicht, und auch das hat mit der besagten „Entmenschlichung“ zu tun. Bin Laden war nicht nur in dem Sinne entmenschlicht, dass er als Symbol des Unmenschlichen, des Unmoralischen, als Feind des Lebens geradezu wahrgenommen wurde, sondern auch in dem Sinne, dass man geneigt war, seine Tötung nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern geradezu zu fordern. Und hier kommen wir an einen Punkt, wo der Gedanke der universalen Menschenwürde ernsthaft in Frage steht. Ich sagte bereits: Würde ist eine Sache der Zuschreibung und eine Sache des Konsenses. Wenn nun ein großer Teil der Menschheit einem Menschen die Zuschreibung dieser Würde verweigert – auch und gerade, weil sie ihn eben als „ent-menschlicht“ empfindet -, kann man dann auf seiner Würde beharren, als wäre sie ein objektives Gut, ein Merkmal des Menschen wie sein rechtes Auge oder sein kleiner Zeh? Dreierlei spricht dafür.
Erstens: Auch wenn es keine „objektive“, zuschreibungsunabhängige Würde geben mag, so gibt es sie in gewissem Sinne doch im Rahmen der festen ethischen Normen einer bestimmten Gesellschaft, in denen jeder und jede Einzelne, der oder die dieser Gesellschaft angehört, so stark verwurzelt ist, dass die Existenz eines solchen „Normbereichs“ in einem quasi-objektivistischen Sinne durchaus angenommen werden kann.
Zweitens: Das berühmt-berüchtigte „Dammbruch-Argument“: Wenn wir einem Menschen die Würde absprechen, weiten wir den Kreis der „Entwürdigten“ womöglich bald aus. Wenn heute Terroranschläge der Grund sind, jemandem die Menschenwürde abzusprechen, ist es morgen vielleicht eine gefälschte Doktorarbeit oder, mal wieder, nichtarische Abstammung.
Drittens: Zu alledem scheint mir die Auffassung, dass bin Laden seine Menschenwürde „verspielt“ habe, nur eine Minderheitenmeinung zu sein. Die meisten derjenigen, die seine Tötung begrüßen, würden ihm wahrscheinlich nicht im gleichen Atemzug die Menschenwürde aberkennen, sondern die Aktion, auch wenn sie offensiv war, eher als Akt der Notwehr verstehen – als Akt der Notwehr seitens der gesamten zivilisierten Welt, gewissermaßen.
Wahrscheilich ist die Menschenwürde also gar nicht das, was hier in Frage gestellt wird, auch wenn sie gleichwohl in Frage steht (was ja auch der Grund ist, warum ich das Thema hier angeschnitten habe).
Ich komme auch nicht umhin zu gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wie ich mich an Obamas Stelle verhalten hätte. Da hat man die einmalige Gelegenheit, dem internationalen Terrorismus im übertragenen Sinne das Haupt abzuschlagen – wäre es nicht sträfliche Torheit, sie ungenutzt zu lassen? Und: Wenn man die Wahl hat, ihn festzunehmen und damit weitere Terrorakte und Geiselnahmen zu riskieren, mit denen seine Freiheit erpresst werden soll, oder ihn zu töten – wäre es nicht fahrlässig, den zivilisierten Weg einzuschlagen?
Der Gedanke der Menschenwürde gibt auf diese Fragen eine klare Antwort. Aber wir haben schon gesehen: Die Ethik, die für unsere Gesellschaft (noch) fundamental ist, ist nicht alternativlos. Vielleicht ist sie auch nicht so zeitlos, wie wir gern glauben würden. Braucht eine neue Zeit eine neue Moral? Im amerikanischen Kino und vor allem in der Fernsehserie „24“ werden ja schon jetzt in schöner Regelmäßigkeit Methoden der Wahrheitsfindung und Verbrechensbekämpfung zelebriert und gerechtfertigt, die jeder Menschenwürde Hohn sprechen. Es liegt, so die Moral von Jack Bauer und Co., am Menschen selbst, ob er als Zweck an sich selbst gelten darf – oder als Mittel zum Zweck fragwürdigen Verhörmethoden unterzogen wird.
Das moralische Dilemma, das uns diese Produktionen in oft perfider Dramaturgie deutlich vor Augen stellen, ist selten so ungebrochen Realität geworden wie bei dieser Tötungsoperation. Ja, es ist wahr: Die Welt ist keineswegs einfacher geworden, auch nicht im Blick auf Moral und Ethik. Und ja, wie unsere Gesellschaft, wie unsere Sprache, wie die ganze Welt, so ist auch unsere Ethik vor tiefgreifenden Wandlungsprozessen nicht gefeit.
Aber wir müssen uns auch klarmachen: Die Ethik, die ihre Wurzeln in der Aufklärung hat und unsere Gesellschaft bis heute prägt, ist diejenige, der wir große Teile dessen verdanken, was wir Zivilisation nennen. Wenn wir uns von einem dahergelaufenen Mann mit Zottelbart dazu verleiten lassen, diese Ethik leichtfertig aufzugeben, dann hat er posthum sein Ziel erreicht, die westliche Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern.

Und um des Verstorbenen doch noch angemessen zu gedenken, singen wir abschließend ein Lied.

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