Dei Mudder

von Stefan

Muttertag

Aus der "Talpost" vom 05.05.2011

Auf der Titelseite unserer Lokalzeitung „Talpost“ findet sich in dieser Woche ein kurzer Artikel, den ich aus sprachwissenschaftlicher Sicht hochinteressant finde. Mitglieder des berühmt-berüchtigten VDS würden sich wahrscheinlich in den Gräbern umdrehen, in denen die meisten von ihnen mit einem Bein schon stehen, zumal sie nicht wüssten, worüber sie sich mehr aufregen sollen: Die Inflation der Anführungszeichen oder den Gebrauch des Dativs (anstelle des Genitivs) in der Überschrift.

Was ich dagegen viel interessanter finde, ist die Wahl des Verbs gedenken an sich. Für gewöhnlich wird dieses Wort ja benutzt, wenn es um die Erinnerung an Verstorbene geht; denkbar ist es auch in Zusammenhang mit besonderen, eher jedoch mit wenig erfreulichen historischen Ereignissen:

(1) In einem Trauergottesdienst wurde der Opfer des Kuckucksuhrenkillers gedacht.
(2) In einer Schweigeminute gedachte man des Terroranschlags auf das World Trade Center. (besser: der Opfer…)
(3) ??In einer Feierstunde gedachte man des Mauerfalls vor 20 Jahren.

Selbst wenn man an (3) keinen Anstoß nimmt, bezieht es sich doch wie (2) auf ein Ereignis in der Vergangenheit. (1) repräsentiert die wohl geläufigste Verwendungsweise. Sehr merkwürdig klingen dagegen Beispiele wie:

(4) *Als ich an Koblenz vorbeifuhr, gedachte ich der Bundesgartenschau.
(5) *Die Filmfestspiele in Venedig gedachten George Clooneys mit einer Retrospektive.

(Für Nicht-Linguisten: Die Sternchen und Fragezeichen stellen Grammatikalitätsurteile dar. Sternchen bedeutet: Geht gar nicht. Fragezeichen bedeutet: Klingt seltsam. Je mehr Fragezeichen, desto seltsamer. Ein Stückweit müssen diese Urteile natürlich intuitiv bleiben; deshalb sind gerade die Fragezeichen auch nicht ganz unumstritten. Ich halte sie trotzdem für ein recht nützliches Instrument der Abstufung.)

Allerdings: Dass der Gebrauch von gedenken auf bestimmte Kontexte beschränkt ist, ist eine recht neue Entwicklung. Dafür gibt es mehrere Indizien:

1. Durchsucht man das Belegarchiv des derzeit im Entstehen begriffenen Mittelhochdeutschen Wörterbuchs nach gedenken, so erhält man fast ausschließlich Treffer, die man heute mit ‚an etw./jmd. denken‘ oder auch mit ‚etw. bedenken‘ übersetzen müsste. Übrigens erfreute sich das ge-Präfix, das wohl unter anderem Perfektivität, also die Abgeschlossenheit einer Handlung, ausdrückte (weshalb es ja auch zur Perfektbildung benutzt wird: gesehen, gegangen etc.), dessen genaue Funktion jedoch umstritten ist, im Mittelhochdeutschen ohnehin großer Beliebtheit.

2. Dialekte sind zwar manchmal ihrer Zeit voraus, können aber auch sehr konservativ sein. In meinem pfälzischen Heimatdialekt höre ich oft Wendungen wie: „Gedenkscht des noch?“ oder „Gedenkscht noch, wie mer mol uff’m Lambertskreiz warn, un‘ dann is jo so en Sturm kumme…“ oder „Ajo, des gedenkt mer noch, als ob’s geschdern gewese wär!“ Möglicherweise stirbt dieser Gebrauch von gedenken jedoch aus, denn derlei Wendungen höre ich eher in der Altersklasse 50 aufwärts.

3. Nicht zu vergessen die sehr konservative Varietät der Theologiesprache. Hier (ge)denke man an die geläufige Übersetzung der Weisheit memento mori: „Gedenke des Todes“. Oder auch die Übersetzung des dritten Gebots: „Gedenke des Sabbats!“

In diesem Sinne hat sich die „Talpost“ hier also eines recht konservativen Sprachgebrauchs bedient und ihn durch den Akkusativgebrauch ein wenig „verjüngt“. Dieser Kontrast macht die Überschrift aus meiner Sicht umso amüsanter.

Amüsant ist natürlich auch der einjährige „Sander“. Personennamen in Anführungszeichen sind ein Phänomen, das aufmerksamen Beobachtern in letzter Zeit öfter auffällt (wenn auch nicht so häufig wie der sogenannte „Deppenapostroph“, für den es übrigens auch einleuchtende sprachwissenschaftliche Erklärungen gibt, die zeigen, dass übermäßiger Apostrophengebrauch nicht zwangsläufig von einem Mangel an Intelligenz zeugt). Überhaupt findet man in letzter Zeit gehäuft Anführungszeichen dort, wo sie nach den derzeit gültigen Zeichensetzungsregeln eigentlich nicht hingehören – wen wundert es da noch, dass für Guttenberg und Koch-Mehrin gerade keine mehr übrig waren?

Im dritten seiner – das muss man ihm bei aller Kritik zugestehen – durchaus unterhaltsamen „Happy Aua“-Bändchen hat Luzifer Bastian Sick einige wenige Beispiele zusammengestellt, die deutlich machen, dass die sogenannten „Gänsefüßchen“ zunehmend nicht mehr nur zur Kennzeichnung von Zitaten, Titeln oder zur Kennzeichnung von Metasprache oder uneigentlichem Sprechen benutzt werden. Da wird zum Beispiel am Strand von Cuxhaven vor der „Gefahr“ des Einsinkens gewarnt, eine Haltestelle kann aufgrund von „Straßenarbeiten“ nicht angefahren werden, und an einer Tengelmann-Theke fordert ein Schild die Käufer/innen auf: Bitte benutzen „Sie“ aus hygienischen Gründen die Zange.

Im erstgenannten Beispiel werden die Anführungszeichen wohl als Mittel der Hervorhebung gebraucht, erfüllen also die Funktion, die klassischerweise etwa Fettdruck und Unterstreichung zukommt. (Gleiches gilt übrigens für viele, wenn nicht gar die meisten neuen Verwendungsweisen von Anführungszeichen, die ich im Alltag beobachte.) Das zweite Beispiel ist komplizierter: Irgendwie kann ich vage nachvollziehen, dass die Verfasser sich genötigt sahen, die „Straßenarbeiten“ in Anführungszeichen zu setzen, denn der Fall scheint mir vergleichbar mit Sätzen wie Das Thema war „Abtreibung“ oder ?Wir sprachen über „Altersvorsorge“ – gerade im ersten Beispiel ist die (fakultative) Setzung der Anführungszeichen problemlos möglich, im zweiten Satz wirkt sie dagegen schon etwas markiert, aber nicht vollkommen deplatziert. Man könnte stattdessen auch einen Doppelpunkt setzen:

(6) Das Thema war: Abtreibung.
(7) (?)Wir sprachen über: Altersvorsorge.
(8) (?)Ich denke oft an: Piroschka.
(9) *Er zeigte uns den Weg nach: Leipzig. (eher: Er zeigte uns: den Weg nach Leipzig.)

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie diese graphische Absetzung von Themaargumenten zu erklären ist. Eine – wie ich finde, recht gewagte – Hypothese wäre es, das Phänomen auf die Tatsache zurückzuführen, dass wir in der heutigen Zeit mehr denn je mit Titeln hantieren, seien es Titel fiktionaler Werke oder Titel z.B. von Tagungen und Kongressen:

(6′) Das Thema war(:) „Abtreibung. §218 und die Bioethik“.
(7′) Wir sprachen über „Pole Poppenspäler“.
(8′) Ich denke oft an „Der Steppenwolf“. (oder: an den „Steppenwolf“.)
(9′) Er zeigte uns „Der mit dem Wolf tanzt“.

Fälle wie (6)-(8) könnten dann als Analogiebildungen verstanden werden. Eine andere Interpretationsmöglichkeit wäre, dass mit dem Doppelpunkt bzw. den Anführungszeichen eine Aussprachevariante verschriftet werden soll, bei der das jeweilige Thema durch eine kurze Pause besonders hervorgehoben wird. Während diese Erklärung im Einzelfall zutreffen mag, scheint sie mir jedoch für das Ausgangsbeispiel unangemessen, da es ja eigentlich keinen Grund gibt, die „Straßenarbeiten“ hervorzuheben – viel interessanter für die Pendler ist ja, dass und wie lange der Bus nicht fährt. Es sei denn natürlich, man möchte die Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, d a s s   es Straßenarbeiten geben wird, um die Passanten zur Lektüre des gesamten Schildes zu bewegen – in diesem Fall hätte Fettdruck aber eindeutig bessere Dienste geleistet…
Wie dem auch sei: Falls jemand eine zündende Idee hat, immer her damit – wofür gibt es eine Kommentarfunktion?
Ich möchte mich statt dessen dem dritten Beispiel zuwenden, das ich mir nur damit erklären kann, dass man durch eine Hervorhebung des Anredepronomens Sie einfach höflicher wirken wollte – ein Schuss, der natürlich ein wenig nach hinten losging.
Der Anwendungsbereich für Anführungszeichen ist jedenfalls, das sollte dieser Exkurs zeigen, sehr vielfältig geworden. Was hat es nun mit dem Personennamen in Anführungszeichen auf sich?
Dass Eigennamen in Anführungszeichen gesetzt werden, ist ja nichts Neues: Das Schiff „Queen Mary II.“, der Film „Michael Collins“, das Buch „David Copperfield“. Genuine Personennamen werden dagegen auch dann nicht in Anführungszeichen gesetzt, wenn sie sich auf fiktionale Charaktere beziehen – auch wenn mir diese Praxis in diesem Fall akzeptabler scheint, als wenn von realen Personen die Rede ist:

(10) ?*“Harry Potter“ verirrte sich mit „König Artus“ nach „Mordor“.
(11) *“Angela Merkel“ ging mit „Gregor Gysi“ auf ein Cross-Dressing-Event.

Fast gänzlich unproblematisch sind die Anführungszeichen nach meinem Empfinden, wenn sie Tiernamen umschließen:

(12) Der Eisbär „Knut“ starb 2011.
(13) Dafür gewann das Opossum „Heidi“ viele neue Fans.

Die Regeln, wann wir Anführungszeichen setzen können und wann nicht, sind also doch recht komplex; eine Übergeneralisierung der Regel dahingehend, dass Eigennamen konsequent mit ihnen versehen werden, wäre mithin im Grunde nur konsequent. Ganz so weit ist aber auch der Verfasser (oder die Verfasserin?) unseres kurzen Artikels sicherlich noch nicht, zumal er sonst ja auch in „Holland“ hätte schreiben müssen. Die Sache ist gewiss komplexer.
Meine These ist, dass das Alter des Jungen eine ganz entscheidende Rolle spielt. Wäre er nicht ein Jahr, sondern einundzwanzig oder gar einundachtzig Jahre alt, hätte man, so denke ich, die Anführungszeichen wohl kaum gesetzt. Ich will damit nicht behaupten, dass Kleinkinder wie Haustiere wahrgenommen würden; wohl aber denke ich, dass sich die Art und Weise, wie wir Kleinkinder kognitiv wahrnehmen und uns sprachlich auf sie beziehen, von unserer Wahrnehmung von Erwachsenen deutlich unterscheidet.
Eine andere Erklärungsmöglichkeit wäre natürlich, dass es sich um einen Kosenamen handelt. Angenommen, (14) bezieht sich auf ein Mädchen namens Alexandra:

(14) Die 14-jährige „Xandra“ hat den Hintertupfinger Malwettbewerb gewonnen.

Das scheint mir allerdings wenig wahrscheinlich, da Sander ja durchaus ein gängiger Vorname ist.
Bleibt noch die Konstruktion „Talpost-lesend“: Für die Anführungszeichen hier gibt es zwei recht simple Erklärungen. Die erste: Der Verfasser empfand diese Konstruktion als Neologismus und sah sich daher zu den Anführungszeichen genötigt. Die zweite: Es sollte eigentlich „Talpost“ lesend heißen, aber weil der Verfasser die enge Zusammengehörigkeit der beiden Konstituenten der Verbalphrase erkannte und diese auch graphisch mit einem Bindestrich deutlich machen wollte, hat er die Anführungszeichen nach hinten verschoben – entweder aus ästhetischen Gründen, weil Anführungszeichen vor Bindestrich tendenziell bescheuert aussehen, oder aus eben diesem Zusammengehörigkeitsgefühl heraus, das uns ja oft genug dazu bewegt, schließende Klammern versehentlich falsch (oder zumindest nicht ganz richtig zu setzen).

Soweit zu diesem schönen Artikel. Ganz unabhängig von meinen wilden Spekulationen, mit denen ich wohl mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet habe, bleibt dieser Ausschnitt für mich ein herrliches Kleinod. Und ich muss auch eine Lanze für die „Talpost“ brechen: Es gibt darin auch Artikel mit höherem Informationsgehalt und geringerer Gänsefüßchendichte (manche davon sogar von mir). Neugierig geworden? Ich vermittle gern Abonnements… 😉

P.S.: Die Verpixelung ist natürlich von „mir“. „Ich“ war mir nicht sicher, ob „Sander“, wenn er irgendwann einmal „erwachsen“ ist, „sein“ Gesicht irgendwo im Internet sehen möchte, denn das ist ja noch einmal etwas Anderes als eine Lokalzeitung…

Nachtrag: Zu gedenken in einer etwas anderen Konstruktion gibt es übrigens auch einen sehr lesenswerten Beitrag in Kristin Kopfs „Schplok“, zu dem sich auch eine unterhaltsame Sprachnörgler-Diskussion entsponnen hat.

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