Steirische Eichen und sächsische Strukturbäume

von Stefan

MPI-EVA

Im MPI für evolutionäre Anthropologie

In den vergangenen beiden Wochen hatte ich Gelegenheit, an einer interdisziplinären Graduiertentagung in Graz und der großartigen StuTS in Leipzig teilzunehmen. Da ich den geneigten Leser und die geneigte Leserin nicht mit tagebuchartigen Reiseberichten langweilen will, stattdessen einige vermischte Notizen:

Graz
– Pünktlich zu meiner Ankunft in Graz stand die Stadt kopf. Allerdings nicht meinetwegen, sondern weil der SK Sturm Graz am Vortag die österreichische Bundesliga gewonnen hatte – übrigens, wie ich später erfuhr, unter einem ehemaligen FCK-Spieler. Dass der erste Treffpunkt für die Teilnehmer/innen ausgerechnet der Platz war, auf dem die Meisterfeier stattfand, erleichterte das Sich-Finden nicht wirklich…
– Die vielleicht meistgebrauchte Wendung in Österreich (oder zumindest bei den Steirern und Wienern, die ich kennenlernte) lautet „Das geht sich aus“. Obwohl keiner der deutschen Teilnehmer das Idiom vorher kannte, haben es alle auf Anhieb aus dem Kontext heraus verstanden. Schwerer war es da schon, einen Schorle zu bestellen: Wer z.B. einen „Apfelsaft mit Quellwasser“ bestellte, erhielt Apfelsaft mit Leitungswasser gemischt; wer indes einen „gespritzten Weißen“ orderte, erhielt Weißweinschorle – und zwar, man glaubt es kaum, aus dem Zapfhahn…
– Nach Graz zu gehen, lohnt sich allein wegen des Restaurants „Braun de Praun“ (oder „Praun de Braun“?). Dort gibt es die wohl längste Speisekarte der Welt – allein die erste Seite hat 20 bis 30 verschiedene Gerichte (und zwar nicht nur pseudo-verschiedene), und es kommen noch sieben oder acht weitere. Seiten, nicht Gerichte.

– Dialog an der Rezeption der Pension: „Na, i heiß Insminger, mit I.“ –

Graz

Eines meiner sehr wenigen Graz-Fotos

„Ei, dös steht doch do. Insminger. Mit I.“ – „A na, mit I wie Imil.“ – „Aso!“ – „Jo mei, do ham d’Leit immer Probleme drmit. Die hörn och O wenn i O soag.“ (Man vergebe mir die stümperhafte Dialektwiedergabe…)

Leipzig
– Auch in Leipzig kann der Fußball Pläne durchkreuzen – etwa den Plan, nach 20 Uhr noch einkaufen zu gehen, was theoretisch im Bahnhof möglich gewesen wäre, hätten dort nicht randalierende Anhänger eines Leipziger oder Chemnitzer Drittligisten (oder beider) für einen Großeinsatz der Polizei und die Sperrung des Bahnhofsgeländes geführt.
– Goethe macht nur im hessischen Original Spaß und Englisch ist immer dann am besten, wenn es mit indischem Akzent gesprochen wird. „Please come again!“
– Im Max Planck Institute of Epic Vast Awesomeness (MPI-EVA) gibt es eine Kletterwand. Außerdem einen Kicker, eine Dachterrasse mit Grill und eine Volleyballmannschaft. Man begegnet dort Elena Lieven auf dem Flur und Svante Pääbo im Fahrstuhl. Letzterer hat das „Sprach-Gen“ FOXP2 in der DNA des Neandertalers entdeckt.

Thomaskirche

Thomaskirche in Leipzig

– Wie es der Zufall will, kam ich auf dem Rückweg im Zug mit einer Frau ins Gespräch, die berichtete, dass ihr Sohn, der mittlerweile selbst eine Professur in Tübingen übernommen habe, an eben diesem Projekt Pääbos mitgearbeitet habe.
– Am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI-CBS) gibt es zwar keine Kletterwand, dafür aber einen Phantomscanner. Das ist schlichtweg eine Attrappe, mit deren Hilfe Kinder auf die Bedingungen einer fMRT (Magnetresonanztomographie – mit Dank an Michael für den Hinweis) vorbereitet werden sollen, bei dem sie (abgesehen von der ohnehin nicht alltäglichen Situation, in einen Scanner geschoben zu werden) einem hohen Geräuschpegel ausgesetzt sind und sich nicht bewegen dürfen, da die Daten sonst unbrauchbar werden – eine sehr zeitaufwendige und mühselige Angelegenheit, die viel Geduld und eine gute pädagogische Intuition erfordert. Dass am Ende in der Regel trotzdem weniger als 50% der Daten verwendet werden können, steigert den Respekt vor den dortigen MitarbeiterInnen nur noch.
– Ein einziges Wort kann ein hübsches Stück Satire zur Zote machen. So beobachtet bei einem (älteren) Eintrag im StuTS-Buch, den ich beim Überfliegen für einen geistreichen Seitenhieb auf die Empiriefeindlichkeit gewisser Zweige der Sprachwissenschaft hielt, um bei genauerem Hinsehen peinlich berührt festzustellen, dass ein nicht unbedingt zitierwürdiges Wortspiel das Ganze als pubertäre Rammelphantasie entlarvte.
– Manfred Bierwisch ist der berühmteste Linguist der Welt.

– Der Leipziger Verkehrsverbund hat ein herrlich bescheuert aussehendes Maskottchen, das mir sogar in Lebensgröße begegnet und bei dem Versuch, einem Kind einen Luftballon zu überreichen, rückwärts umgekippt ist. Man munkelt, es habe sogar Leute gegeben, die diese knuffige Mischung aus Biber, Na’vi und Hein Blöd als Mitbringsel käuflich zu erwerben trachteten. Warum auch nicht – wenn ich ehrlich bin, gefällt mir Willi (so der Name des Maskottchens) besser als der grinsende MVG-Bus, den es übrigens auch in Plüschform gibt.
– Noam Noam Noam.
– Bin weg, muss noch ein wenig pro-droppen.

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