Die Flucht des barmherzigen Samaritaners – Teil 1

von Stefan

Es gehört zu den Binsenweisheiten der Linguistik, dass sich eine Sprache nur in den allerseltensten Fällen echte Synonymie leistet, also die völlige Bedeutungsgleichheit zweier formal unterschiedlicher Wörter. Fragt man etwa Word nach Synonymen für Liebe, erhält man unter anderem Fleiß, Lust und Begeisterung – es ist offensichtlich, dass die vier Begriffe nur in den allerwenigsten Kontexten austauschbar sind. Auch die meisten der vielgeschmähten Anglizismen sind mit ihren (vermeintlichen) deutschen Entsprechungen keineswegs bedeutungsgleich. So hat etwa das kürzlich in den Duden aufgenommene Rudelgucken – abgesehen davon, dass es kein Mensch verwendet, wie Anatol Stefanowitsch sehr schön herausgearbeitet hat – gegenüber dem englischen Public Viewing einen deutlich abschätzigen Beiklang, da es einen für gewöhnlich der Tierwelt vorbehaltenen Begriff mit einem umgangssprachlichen Verb kombiniert, das zwar heute durchaus wertneutral gebraucht werden kann (Ich gucke mir die Verdi-Oper auf Arte an), dem aber dennoch der Nimbus des Substandards anhaftet (man stelle sich eine solche Formulierung in einer Seminararbeit vor: Anschließend wollen wir nachgucken, wie oft das Wort im Korpus auftritt.) Zahllose weitere Beispiele ließen sich finden. Bimbes ist etwas Anderes als Geld, ein Weib ist keine Frau und erst recht keine Dame, ein Kerl ist nicht dasselbe wie ein Mann.

In diesem Artikel möchte ich mich mit zwei Fällen (scheinbarer? teilweiser?) Synonymie befassen, die mir im Alltag über den Weg gelaufen sind. Anfangen möchte ich mit der Religionsgemeinschaft der Samarit(an)er, die in einem Konfirmationsgottesdienst für Verwirrung gesorgt hat. Predigttext war nämlich die Begegnung Jesu mit der Samarit(an)erin. Im Programm hieß es: Jesus und die Samariterin, woraufhin ich zuerst von einer mir bekannten Presbyterin, deren Tochter sich bereiterklärt hatte, den Text zu verlesen, und anschließend auch noch von meiner Mutter angesprochen wurde, ob es denn nicht eigentlich Samaritanerin heißen müsse – ein Samariter sei schließlich etwas Anderes, nämlich ein guter Mensch. Achselzuckend antwortete ich (sinngemäß), dass der barmherzige Samariter ja nur ein Samariter sei, weil er eben Samariter sei, also Samaritaner, behielt die Intuition der beiden jedoch im Hinterkopf und beschloss, mir einmal den tatsächlichen Gebrauch der beiden Varianten näher anzusehen. Meine Hypothese: Wenn von guten Menschen die Rede ist, wird nahezu ausschließlich Samariter gebraucht werden; die Religionsgemeinschaft wird mit beiden Begriffen bezeichnet, jedoch mit deutlicher Tendenz zum Samaritaner.

Eine Korpusrecherche mit COSMAS II erbrachte jedoch ein noch viel deutlicheres Ergebnis. Von den 4.205 Treffern für Samariter im Korpus W (Archiv der geschriebenen Sprache) ließ ich mir 1000 per Zufallsauswahl im Kontext anzeigen und wertete sie aus; für Samaritaner war es nicht nötig, eine Stichprobe zu nehmen, da ich mühelos alle 51 Belege auswerten konnte. Die Tendenz ist eindeutig: Nur drei der 1000 Belege für Samariter beziehen sich auf die Religionsgemeinschaft; von diesen dreien wiederum bezieht sich einer auf einen biblischen Kontext:

Samariter

Gebrauch des Begriffs "Samariter" in Texten des Cosmas-II-Korpus (Zufallsauswahl: 1000 Belege; nicht aufgeführt: Arbeiter-Samariter-Bund)

(1) dem kranken Samariter träufelte Jesus Wein und Öl auf seine Wunden [Mannheimer Morgen, 29.09.2004].

Bleiben also zwei, bei denen der Bezug auf die Religionsgemeinschaft unabhängig vom tendenziell etwas archaisierenden biblisch-theologischen Sprachgebrauch eindeutig ist. In der Bedeutung ‚guter Mensch‘ habe ich den Begriff unter den 1000 Belegen insgesamt 52-mal angetroffen – übrigens sehr oft in negierter Form, wofür dieses Beispiel durchaus repräsentativ ist:

(2) Ich bin Wirtschaftsmensch, kein Samariter. Ich will Geld verdienen [Rhein-Zeitung, 06.02.2009].

Ganze 149-mal bezieht sich der Begriff direkt oder indirekt auf das biblische Gleichnis. Dabei habe ich folgende Belege unter dieser Kategorie zusammengefasst:

a) Belege, in denen es direkt um das Gleichnis oder dessen Verarbeitung in Predigten, Theaterstücken usw. geht (nebenbei: O mein Gott, wie viele Kindermusical- und Singspielbearbeitungen es doch zu diesen paar Zeilen Text gibt! Dass in Kirchenkreisen viel kultureller Sondermüll produziert wird, wusste ich schon lange, aber das Ausmaß überrascht mich jedes Mal aufs Neue…)

b) Belege, in denen ein Mensch (oder eine Institution) als barmherziger Samariter, guter Samariter (oft in Anführungszeichen) bezeichnet wird, Belege also, in denen der Bezug zum Gleichnis offensichtlich ist; auch Beispiele wie Ich bin nicht der Samariter zählen hierzu, da eindeutig auf den einen Samariter aus dem Gleichnis angespielt wird.

Samaritaner

Gebrauch des Begriffs "Samaritaner" in Texten des Cosmas-II-Korpus

Auch Fälle wie (3) habe ich zu dieser Kategorie gerechnet, auch wenn hier nicht ganz klar ist, ob das Attribut warmherzig wirklich in der Absicht gewählt wurde, an den barmherzigen Samariter zu erinnern.  Allerdings halte ich es für nahezu ausgeschlossen, dass es sich um einen Zufall handelt – entweder ist es ein Wortspiel mit dem Gleichnistitel, oder dieser Konrad denkt, das Gleichnis werde wirklich so genannt.

(3)  Konrad erklärte, er wolle ein «warmherziger Samariter» sein und das Amt nicht über die Menschen stellen. [St. Galler Tagblatt, 24.08.2010]

Übrigens: Eine simple Google-Suche bestätigt, dass warmherzige(r) Samariter in nicht-lektorierter Sprache ein wenig öfter vorkommt – die 957 Ergebnisse für „warmherzige Samariter“ (was gegenüber 54.000 für „barmherzige Samariter“ immer noch ein verschwindend geringer Anteil wäre) täuschen jedoch, denn ab Seite 5 der Suchanfrage wird immer wieder derselbe Text wiederholt, der es über eine Werbebotschaft („Wir suchen Texter“) offenbar in eine Reihe verschiedener, jedoch irgendwie miteinander verknüpfter Foren geschafft hat. Darin zeigt sich wieder einmal eine gewisse Standhaftigkeit der Bibelsprache: Ungeachtet der Tatsache, dass barmherzig ein hoffnungslos veraltetes Adjektiv darstellt, läuft der Samariter nicht Gefahr, im alltäglichen Sprachgebrauch zum warmherzigen Samariter zu werden.

Nun wird aber niemandem entgangen sein, dass 3+52+149 noch nicht 1000 ergibt. Hierfür gibt es eine einfache Erklärung: Die verbleibenden 796 Belege entfallen auf den Arbeiter-Samariter-Bund sowie in einigen wenigen Fällen die Samaritans, eine Gruppe zur Suizidprävention.

Der oder die Samaritaner kommt bzw. kommen dagegen kein einziges Mal in der Bedeutung ‚guter Mensch‘ vor. Statt dessen entfallen hier tatsächlich erwartungsgemäß 46 der 51 Belege auf die religiöse Gruppe, fünfmal ist noch vom Gleichnis die Rede, viermal mit dem Attribut barmherzig, während der fünfte Beleg grundsätzlich auch in die Kategorie „Religiöse Gemeinschaft“ eingeordnet werden könnte, da explizit darauf hingewiesen wird, dass der Helfer im Gleichnis dieser Gruppe angehörte (und seine Hilfe daher umso überraschender kam, da Juden und Samarit(an)er ja so gut miteinander konnten wie Anhänger von RasenBallsport Leipzig mit jenen des Chemnitzer FC).

Samarieterin

Gebrauch des Begriffs "Samariterin" in Texten des Cosmas-II-Korpus

Bei den besagten Gesprächen, die mich auf den Zweifelsfall aufmerksam machten, ging es ja aber bekanntlich um die Samarit(an)erin – deshalb habe ich auch die weiblichen Formen ausgewertet; hier gab es 210 Treffer für Samariterin und 7 für Samaritanerin. Das Ergebnis: Bei Samariterin beziehen sich 43 Belege auf die Frau am Brunnen, 47 auf gute Menschen, darunter 5 (un)barmherzige Samariterinnen und eine warmherzige, 99-mal ist von Mitgliedern des ASB die Rede. Einmal wird der Begriff metasprachlich gebraucht. (Die Differenz zu 210 ist einigen Wiederholungen geschuldet, die nur einmal ausgewertet wurden.) Die Samaritanerin kommt fünfmal in bezug auf die Frau am Brunnen vor, einmal metasprachlich, einmal als Mitglied der religiösen Gemeinschaft. Den metasprachlichen Beleg wollen wir uns kurz näher ansehen:

(4) Denn unterhalb dieser Ebene der Feinheiten geben sich so ziemlich alle Typen von Fehlern und Inkonsequenzen ein Stelldichein, zu denen es bei einer Übersetzung kommen kann: […] der kommunistische camarada – Genosse – wird als Kamerad übersetzt, die Samariterin wird, weil samaritana, zur Samaritanerin […] [Frankfurter Rundschau, 15.10.1997]

In dieser Übersetzungskritik werden Samariterin und Samariterin eindeutig als nicht austauschbar betrachtet – was freilich ganz der eingangs geschilderten Intuition entspricht und auch durch die Belege gestützt wird; die Frage kann also nur noch lauten, ob diese Nichtaustauschbarkeit unidirektional ist, d.h. ob man Angehörige der religiösen Gemeinschaft als Samariter bezeichnen kann. Nach den COSMAS-II-Daten wird das nur in den allerseltensten Fällen getan; allerdings gibt es mit dem COSMAS-II-Korpus ein Problem: Es besteht vor allem aus Zeitungstexten und kann daher nur die Zeitungssprache wiedergeben. Die Belege, in denen Samariter die religiöse Gruppe bezeichnet, stammen bezeichnenderweise aus Wikipedia.  Um herauszufinden, ob in Fachliteratur die beiden Begriffe stärker austauschbar sind, habe ich noch GoogleBooks befragt, wobei ich die Suche auf Treffer aus dem 21.Jh. einschränkte und dabei für Samariter 10.600, für Samaritaner 5.150 Ergebnisse erhielt. Die ersten zehn Seiten wertete ich jeweils aus; Ergebnis: Samariter wird insgesamt 16-mal auf die Religionsgemeinschaft bezogen, 69-mal kommt es in bezug auf das Gleichnis vor, sechsmal wird ein guter Mensch damit bezeichnet und sechsmal der Arbeiter-Samariter-Bund. Samaritaner dagegen bezieht sich in allen 91 Fällen auf die Gruppe, dreimal jedoch mit Bezug auf den dankbaren Samariter aus Lk 17,16, was man durchaus ebenfalls als feste Wendung sehen kann, die freilich im allgemeinen Sprachgebrauch nicht so verankert ist wie der barmherzige Samariter. Dass gute Menschen und ASB-Mitglieder seltener vorkommen als in den Zeitungsbelegen, ist natürlich dem Gattungsunterschied geschuldet; ansonsten ist der Befund ein ähnlicher: Wenn es um die religiöse Gemeinschaft geht, wird zumeist auf Samaritaner zurückgegriffen; der Samariter bleibt eher dem Nothelfer aus dem Gleichnis bzw. allgemein biblischen Kontexten vorbehalten.

Vergleich mehrerer Bibelübersetzungen

"Samariter" in mehreren Bibelübersetzungen

Nun ist noch interessant, wie verschiedene Bibelübersetzungen das Samarítes aus Lk 10,33 (das ist der barmherzige Samariter) und dasjenige aus Lk 17,16 (das ist der kranke Samariter, den Jesus geheilt hat) übersetzen. Hier lässt sich jedoch keinerlei Tendenz feststellen, den Nothelfer als Samariter und den Geholfenen als Samaritaner zu bezeichnen; entweder die Übersetzung entscheidet sich eindeutig für eine der beiden Optionen, oder eine der beiden Stellen wird mit Mann aus Samarien o.Ä. umschrieben.

Fazit: Im aktuellen Sprachgebrauch sind Samariter und Samaritaner keineswegs synonym: Für die religiöse Gruppe wird fast ausschließlich der Begriff Samaritaner gebraucht. Samariter im Sinne von ‚guter Mensch‘ indes ist nicht unabhängig vom biblischen Gleichnis zu denken: Oft werden Einzelpersonen als barmherzige Samariter apostrophiert, mit klarem Bezug zum klassischen Titel der biblischen Erzählung; manchmal wird mit Anführungszeichen oder Heckenausdrücken (ein echter Samariter) deutlich gemacht, dass die Bezeichnung im übertragenen Sinne zu verstehen ist. Nur in vergleichsweise wenigen Fällen wird der Begriff ohne solche Hervorhebungen gebraucht, etwa in diesem Beleg, bei dem freilich ein gewisses Maß an süffisanter Ironie nicht zu übersehen ist:

(5) Dabei gefällt sich TV-Kommissar Sodann als Samariter, der die Zivilisation von ihrer künstlich verursachten Vereinzelung kurieren will. [Nürnberger Nachrichten, 09.11.1992]

Samariter im Sinne von ‚guter Mensch‘ kann nie durch Samaritaner ersetzt werden. Umgekehrt kann auf die Religionsgemeinschaft nach wie vor mit beiden Begriffen Bezug genommen werden; außerhalb biblischer Kontexte ist jedoch eine sehr starke Tendenz zum Samaritaner feststellbar.

In der Zeitungssprache wird der Begriff Samariter/in am häufigsten mit Bezug auf Angehörige des Arbeiter-Samariter-Bundes gebraucht. Diese verstehen sich natürlich ebenfalls als Samariter im Sinne eines guten Menschen, der der Gestalt aus dem Gleichnis nacheifern möchte; dennoch muss dieser Wortgebrauch natürlich deutlich von den anderen Varianten unterschieden werden.

Nun wollte ich eigentlich noch auf einen im Grunde viel interessanten Fall (scheinbarer? teilweiser?) Synonymie eingehen, nämlich fliehen vs. flüchten. Weil dieser Artikel aber so lang geworden ist, verschiebe ich dies jedoch auf einen zweiten Teil, der demnächst folgt. Eventuell kommt zwischendurch noch ein politischer Artikel, den ich schon länger plane, mal schauen. Bis dahin noch einen frohen Leichnamstag (ja, ein schlechtes Wortspiel mit Volksetymologie!) und eine gute Zeit…

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