Was gesagt werden darf

von Stefan

Warum rede ich, sage noch einmal,
was offensichtlich ist und in Feuilletons allerorten
rauf und runter diskutiert wurde,
sodass am Ende ich allenfalls
eine Fußnote bin?

Es ist die behauptete Pflicht zur Entrüstung,
die das von einem Maulhelden unterjochte
und zu organisierten Buhrufen gelenkte
deutsche Feuilleton derzeit umtreibt,
weil ein Dichter gesagt hat,
was nicht gesagt werden darf.

Doch warum untersage ich mir,
jenen Dichter beim Namen zu nennen,
der seit Jahren – wenn auch längst unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit –
als Schwurbelliterat von zweifelhaftem Weltrang
seine Leserschaft mit literarischen Totgeburten versorgt?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dass Günter Grass kein guter Dichter ist,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er missachtet wird;
das Verdikt „Kunstverächter“ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von literarischen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig
wenn auch mit loser Zunge als „Was gesagt werden muß“ tituliert,
ein weiteres schlechtes Gedicht
abgedruckt wird, dessen einziger Zweck
darin besteht, destruktive Debatten darob zu führen,
was gesagt werden darf
und was gedacht
und was selbst als Gedanke Sünde ist,
sage ich, was gesagt werden darf.

Warum aber schweige ich nicht?
Weil ich meine, meine Verbundenheit
zur Welt der Dichter und Denker
gebietet, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Feuilleton, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Darum sage ich nun doch,
müde und mit Restalkohol
von der österlichen Familienfeier:
Das deutsche Feuilleton gefährdet
seine ohnehin brüchige Seriosität,
wenn es über den altklugen, altersstarrsinnigen
Altstar mit schnurrbärtiger Schnodderschnauze,
weil er selbige skandalheischend aufriss,
schreibt und schreit und zetert,
wie voraussehbar war, weshalb dessen Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen ist.

Und zugegeben: Ich schweige nicht,
weil ich der Heuchelei der Leute
überdrüssig bin, die meinen,
hier verdrehe einer die Wahrheit,
als ob es einfache Wahrheiten gäbe.
Die Wahrheit ist viel verzwickter,
als dass sie Platz finden könnte
in als Lyrik geharnischter Prosa,
in zerhackstückten Wörterfolgen,
die sich für Sätze halten,
durch den Fleischwolf gedreht,
halb und halb,
zwei fünfzig das Pfund,
Sonderangebot.

Und die Wahrheit ist komplexer,
als dass sie in die Köpfe passte
von Schwarzweißmalern und Schwarzweißdenkern,
die Schwarz auf Weiß ihre Schwarzweißdenke
meinen, den Leuten ins Gesicht speien zu müssen
und dabei nicht rot werden,
weil Rot ja nicht Schwarz oder Weiß ist.

Und so gilt allen, den Dichtern und Feuilletonisten,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Diskussion
sich auf die eine oder andere Seite schlagen,
ja auch mir selbst, vor allen anderen vielleicht
die schallende Ohrfeige des wahrhaft Weisen,
der vorzeiten sprach: Si tacuisses!

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