Die Flucht des barmherzigen Samaritaners – Teil 2

von Stefan

Als ich die Überschrift zu diesem Eintrag tippte, stand da zunächst: „Der Fluch des barmherzigen Samaritaners“, und tatsächlich wäre dieser Titel vielleicht der passendere gewesen, schließlich lastet dieser Fluch seit fast einem Jahr auf mir – der Fluch, etwas angefangen, aber nicht vollendet zu haben; und manch anderes Thema, zu dem ich gerne gebloggt hätte, ist auf der Strecke geblieben, weil ich mich immer ermahnt habe, doch erst noch diesen Artikel zu fliehen und flüchten zu schreiben, den ich seit letztem Sommer angekündigt hatte. Das hole ich nun, wenn auch aus Zeitgründen in etwas knapperer Form als eigentlich geplant, endlich nach.

Auf die Idee, diese (scheinbaren? teilweisen?) Synonyme zu untersuchen, kam ich, als ich – kurz bevor ich den ersten Teil über den Samaritaner schrieb – im Radio den Satz aufschnappte: Die Täter konnten unerkannt flüchten. Irgendwie schien mir der Satz ein wenig markiert, fliehen hätte hier nach meinem Sprachgefühl besser gepasst. So stellte ich mir die Frage, wie diese Intuition zustande kam – in welchen Kontexten gebrauchen wir fliehen, in welchen eher flüchten?

Bei einer kurzen Google-Suche nach den Schlagwörtern „fliehen flüchten“ stößt man unvermeidlich auf das „Zwiebelfisch-ABC“ des selbsternannten Sprachpapsts Bastian Sick, der den semantischen Unterschied wie folgt erklärt:

Der Unterschied zwischen „fliehen“ und „flüchten“ liegt im Antrieb. „Fliehen“ bedeutet „schnell davonlaufen“, daher hat auch der schnell davonhüpfende Floh seinen Namen. Wer flieht, der tut dies aufgrund eines selbst gefassten Entschlusses. „Flüchten“ stammt aus dem alten Jäger- und Kriegsvokabular und bedeutet „in die Flucht geschlagen werden“. Wer flüchtet, der tut dies meist gegen seinen Willen, weil er verjagt oder vertrieben worden ist. Daher werden Heimatvertriebene meistens Flüchtlinge und selten Geflohene genannt. Ein Beispiel, um den Unterschied aufzuzeigen:

Die ersten Dorfbewohner flohen vor dem Feind (= sie rannten aus freiem Entschluss davon), die letzten konnten nur noch flüchten (= sie wurden gegen ihren Willen vertrieben). (Quelle).

Mag diese Erklärung auf den ersten Blick auch einleuchten, so wird ihr Problem schon nach kurzem Nachdenken offensichtlich: Inwieweit eine Flucht „aus freiem Entschluss“ geschehen kann, darüber lässt sich sicherlich trefflich diskutieren. Wohl keine DDR-Bürgerin und kein DDR-Bürger hat sich gedacht: „Och, ich mach ma‘ rasch rüber, ich hab da grad Lust zu.“ Natürlich ist es etwas Anderes, ob man eine langwierig geplante, wohlüberlegte Flucht unternimmt (der sehenswerte Film „The Shawshank Redemption“ bietet hierfür das wohl extremste Beispiel) oder ob man in einer Situation unmittelbarer Bedrohung einem Fluchtinstinkt nachgibt. Das kann man aber nicht immer so sauber voneinander trennen – schon die erste Hälfte des vom „Zwiebelfisch“ genannten Beispielsatzes nimmt auf eine Situation Bezug, in der der „freie Entschluss“ so frei gar nicht mehr ist.

Unabhängig von der Qualität der Beispiele jedoch ist die Feuerprobe einer solchen Erklärung die Sprachpraxis. Man kann sich noch so sehr bemühen, Bedeutungen voneinander abzugrenzen – wie es Sick auch für scheinbar vs. anscheinend tut (vgl. Sick 142005:139-142), unter Rückgriff auf eine Differenzierung des 18.Jh., die sich jedoch in der Alltagssprache nicht durchsetzen konnte (vgl. Zweifelsfälle-Duden 62007) – was nützt es, wenn keiner sich daran hält? Wie im Fall von scheinbar und anscheinend zeigt sich auch bei fliehen und flüchten, dass die Begriffe in der Alltagssprache im Grunde weitgehend austauschbar sind. Eine Suche im DWDS-Korpus liefert beispielsweise folgende Belege:

(1) Die Buren waren, als sie ihre Rückzugslinie bedroht sahen, völlig überrascht und flohen in Unordnung nach Osten zu, (Der Krieg in Südafrika, in: Freisinnige Zeitung 03.01.1900, S. 2, S. 5357)
(2) Ohne festen Wohnsitz ziehen die Völker der tropischen Wanderameisen vagabundierend über Land. Wo sie einfallen, töten sie alle Insekten; sogar Vögel und kleinere Säugetiere, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, werden von ihnen zerrissen. (Natzmer, Gert von, Tierstaaten und Tiergesellschaften, Berlin: Safari-Verl. 1967, S. 215)
(3) Und als der Postkartenmaler mit dem lächerlichen Schnurrbart und der kitschigen Stirnlocke die Macht übernahm, (…) bin ich nach dem Lande geflüchtet, an das ich, wie alle Kommunisten geglaubt habe, zu unser aller tugendhaftem Mütterlein, nach der ehrwürdigen Sowjetunion. (Dürrenmatt, Friedrich, Der Verdacht, Einsiedeln: Benziger 1953, S. 105)
(4) die geflüchteten Autoren [=Exilautoren, S.H.] (Wittmann, Reinhard, Geschichte des deutschen Buchhandels, München: C.H. Beck 1991, S. 8450)
(5) Ich flüchte in die äußere Tätigkeit u. weiß, daß es eine zeitvertrödelnde Flucht ist; (Klemperer, Victor, [Tagebuch] 1955, S. 525)

(1) und (2) exemplifizieren Verwendungen von fliehen, die eher ein „In-die-Flucht-geschlagen-Werden“ beschreiben, mithin laut Zwiebelfisch-Definition eher durch flüchten ersetzt werden müssten; (3) bis (5) indes zeigen umgekehrt flüchten in Kontexten, in denen es um mehr oder weniger wohlüberlegte Fluchtsituationen geht. Ähnliche Beispiele ließen sich zuhauf finden, und noch zahlreicher sind wohl die Zweifelsfälle, die Situationen irgendwo zwischen überstürztem, womöglich gar instinktgeleitetem „Flüchten“ und überlegtem „Fliehen“ beschreiben.

Sind nun aber die beiden Begriffe völlig austauschbar? Meine eingangs erwähnte Intuition stellt ein Indiz dafür dar, dass es nicht so ist – andererseits handelt es sich natürlich nur um die Intuition einer Einzelperson, und vielleicht empfinden ja alle anderen deutschen Muttersprachler den Satz Die Täter konnten unerkannt flüchten auch als gänzlich unmarkiert (wobei ich auch noch einmal darauf hinweise, dass ich ihn keineswegs stark markiert oder gar ungrammatisch finde – aber immerhin gerade markiert genug, dass er mir aufgefallen ist).

Dass der im „Zwiebelfisch“ angesprochene semantische Aspekt zumindest eine Rolle spielt, ist nicht unwahrscheinlich; wie dort richtig festgestellt wird, hat flüchten ja auch sprachhistorisch etwas mit ‚in die Flucht schlagen‘ zu tun. flüchten gehört zu den sogenannten jan-Verben, einer Klasse schwacher Verben, die aus bestehenden Wörtern (starken Verben, Adjektiven) zumeist Kausativa oder Faktitiva bildeten – also beispielsweise setzen ‚machen/veranlassen, dass etw./jmd. sitzt‘ zu sitzen; heilen ‚heil machen‘ zu heil (vgl. Weddige 72007:47). Folgerichtig bedeutet ahd./mhd. fluchten (das Suffix -jan, das anzeigt: „Ich bin ein Kausativum/Faktitivum“, ist hier schon durch Nebensilbenabschwächung geschwunden) nichts Anderes als ‚vertreiben, austreiben, in die Flucht schlagen‘ (vgl. Pfeifers Etymologisches Wörterbuch). Hier hat jedoch eine Art Perspektivenwechsel stattgefunden. Verwendungen wie *Die alte Dame hat den Dieb mit ihrer Handtasche geflüchtet sind nicht mehr möglich, hier muss man schon auf die Konstruktion in die Flucht schlagen zurückgreifen. Jetzt wird in der Bedeutung von flüchten nicht mehr die „Täterin“ oder der „Täter“ fokussiert, sondern das „Opfer“. Das Moment des In-die-Flucht-Schlagens ist etwa im „Wilhelm von Orléans“ des Rudolf von Elms noch deutlich ausgeprägt:

(6) Im wart flúhten gach,
Er jagete im so mit vlisse nach
Das er nam dekaine war
Wer nach jagte von der schar,
Das was er niht besehende;
Niht won selbe zehende
Jagte er nach uf sine sla.

(RvEWh 1343ff.)

Zum Kontext: Wilhelm jagt einen Fürsten; schnelle, nicht sonderlich gute Übersetzung: „Er beeilte sich zu fliehen (oder: in die Flucht zu schlagen – wie so oft im Mittelhochdeutschen, bleibt das Subjekt hier unterspezifiert, und plötzliche Subjektwechsel im Text sind in mhd. Texten ebenfalls keine Seltenheit); er jagte ihm so beflissen nach, dass er gar nicht wahrnahm, wer von der Schar nachjagte; das konnte er nicht sehen. Mit ihm waren es nicht einmal zehn, die ihm auf seiner Spur nachjagten.“

Zum Fliehen oder Flüchten gehören also immer eine oder mehrere Personen, die fliehen (oben salopp als „Opfer“ bezeichnet; nennen wir sie etwas neutraler „Subjekte“) und etwas, wovor sie fliehen (nennen wir sie, ob es sich nun um Personen, Naturkatastrophen oder etwas ganz Anderes handelt, ganz einfach „Auslöser“). Solche Bedeutungs-Szenarien bezeichnet man in der Sprachwissenschaft auch als Frames. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist wohl der Frame bezahlen: Hierzu gehört jemand, der Geld gibt (z.B. Karlheinz Schreiber) und jemand, der Geld nimmt (z.B. Wolfgang Schäuble). Idealerweise wird dann für die Bezahlung auch eine Leistung erbracht.

Diese unglaublich schlechte Illustration wurde von einer Diskussion darüber inspiriert, wie Geisteswissenschaftler ihre Grafiken erstellen (Antwort: Paint).

Eine der Ursachen für semantischen Wandel kann sein, dass zwischen der ursprünglichen und der neu entstehenden Bedeutung eine enge konzeptuelle Relation besteht – zum Beispiel, weil beide Konzepte demselben Frame angehören, z.B. lat. testimonium ‚Zeugnis‘ > frz. témoin ‚Zeuge‘; ital. noleggiare ‚verleihen‘>’ausleihen‘ (vgl. Blank 1999: 74). Bei flüchten ist es ebenso: Die Konzeptualisierung des Gesamtgeschehens bleibt die gleiche; die Perspektivierung jedoch ist eine andere, da das Augenmerk nicht mehr auf dem Fluchtauslöser, sondern auf dem fliehenden Subjekt liegt.

Wenn flüchten tatsächlich eher als eine Art Reflexreaktion im Angesicht unmittelbarer Bedrohung konzeptualisiert wird, dann schwingt darin vielleicht noch ein Rest dieser alten Perspektivierungsweise mit, der allerdings, wie die obigen Belege zeigen, allmählich wohl verblasst.

Literatur

  • Rudolfs von Ems Willehalm von Orlens. Hg. aus dem Wasserburger Codex der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen von Victor Junk, Berlin 1905 (DTM 2) (Nachdr. Dublin/Zürich 1967). (zit. nach MWB.
  • Blank, Andreas (1999): Why do new meanings occur? In: Ders. u. Peter Koch (Hrsg.): Historical Semantics and Cognition. (Cognitive Linguistics Research; 13.) Berlin, New York, S. 61-89.
  • Sick, Bastian (142005): Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Ein Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache. Köln.
  • Weddige, Hilkert (72007: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. München.
  • [Zweifelsfälle-Duden] Duden. Richtiges und gutes Deutsch. 6., vollst. überarb. Aufl. Mannheim 2007.
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