Die Rentiere vom Weihnachtsmann

von Stefan

Als ich mich in der Nacht auf Heiligabend zu einem „Drei Tage keine Linguistik“-Pakt hinreißen ließ, ahnte ich nicht, dass sich schon am Folgetag die Gelegenheit bieten würde, einen doch eher doofen sprachkritischen Text in der Luft zu zer… – Verzeihung, ich meinte natürlich: konstruktive Kritik an einem linguistisch recht uninformierten offenen Brief zu üben. Deshalb werde ich mir nun ein paar Minuten untreu und schreibe doch einen kurzen Beitrag zu diesem Thema.
Der Text, um den es geht, ist derzeit (Stand 25.12.2012) hier nachzulesen. Ein gewisser Julian Eilmann, seines Zeichens Deutschlehrer, übt Kritik am deutschen Titel für den zweiten „Hobbit“-Film. Im Englischen „The Desolation of Smaug“ betitelt, soll er im Deutschen „Die Einöde von Smaug“ heißen. Nun ist Einöde sicherlich nicht die prototypische Übersetzung für desolation, es ist aber im gegebenen Kontext die passendste. Das ist aber auch nicht Stein des Anstoßes. Vielmehr geht es um die Präposition von, deren Verwendung besagter Lehrer für „einen gravierenden grammatikalischen Fehler“ hält. Und er ergänzt in seinem offenen Brief an Warner: „Offenbar ist Ihnen entgangen, dass die Präposition „von“ nur bei räumlichen Beziehungen verwendet wird, nicht aber bei personalen Genitivbezügen.“
Schon diese beiden Zitate offenbaren eine erschreckende linguistische Unkenntnis, wie sie für Deutschlehrer/innen nach meiner Erfahrung leider allzu typisch ist (Ausnahmen bestätigen die Regel). Und über beides könnte man ausufernde Beiträge schreiben: Zum einen zu der Frage, was denn nun eigentlich ein grammatikalischer Fehler ist – ganz zu schweigen davon, ab wann ein solcher als „gravierend“ bezeichnet werden kann -, zum anderen zu den mannigfachen Verwendungsmöglichkeiten von Präpositionen wie von. Um dem besagten Pakt nicht ganz untreu zu werden, will ich beide Themen nur kurz anreißen.
Fangen wir beim zweiten Zitat an, also bei der Behauptung, von könne nur bei räumlichen Beziehungen verwendet werden. Das ist natürlich ganz offensichtlich falsch. Wenn ich sage „Jesse James wurde von Robert Ford erschossen“, dann ist Robert Ford keine räumliche Beziehung. Gleiches gilt für J.R.R. Tolkien in „‚Der Hobbit‘ ist ein Buch von J.R.R. Tolkien“. Auch in „Peter Jackson kupfert eifrig von sich selbst ab“ steht der Regisseur in keiner räumlichen Beziehung zu sich selbst.
Gerade in der Kognitiven Linguistik, die ihre Wurzeln unter anderem in der kognitionswissenschaftlichen Prototypentheorie hat, wurden Präpositionen aufgrund ihrer Polysemie (eine Form – mehrere Bedeutungen) immer wieder gern untersucht – das bekannteste Beispiel ist wahrscheinlich die Behandlung von „over“ durch George Lakoff und Claudia Brugmann (vgl. Lakoff 1987). An Präpositionen lässt sich sehr schön zeigen, dass Wörter prototypische, aber auch eher randständige Bedeutungen haben können. Außerdem lässt sich sehr schön zeigen, dass manche Bedeutungsvarianten in bestimmten Konstruktionen die wahrscheinlicheren sind (vgl. z.B. Taylor 2012). So hat der briefeschreibende Deutschlehrer zumindest dahingehend Recht, dass in der konkreten Konstruktion, über die er schreibt, von tatsächlich prototypischerweise eine räumliche Beziehung ausdrücken dürfte (das Monster von Loch Ness, die Wüste von Nevada). Deshalb wollen wir fair sein und darüber hinwegsehen, dass die Präposition „von“ eben nicht „nur“ bei räumlichen Beziehungen verwendet werden kann, wie auch ein Blick in den Duden offenbart. Konzentrieren wir uns also auf die in Frage stehende Konstruktion: Ist die Verwendung von von hier tatsächlich „falsch“?
Was genau ein grammatikalischer oder sprachlicher Fehler ist, darüber ist schon viel geschrieben und diskutiert worden – ich verweise beispielhaft auf diesen Artikel. Stark vereinfacht könnte man sagen, dass ein sprachlicher Fehler dann vorliegt, wenn die Mehrzahl der kompetenten Sprecherinnen und Sprecher einer Sprache die betreffende Äußerung als falsch empfinden – natürlich zieht diese Definition eine ganze Reihe an Problemen nach sich (Was ist eine kompetente Sprecherin? Wie groß muss diese „Mehrzahl“ sein etc.), aber als Arbeitsdefinition, die nach meinem Eindruck auch von den meisten SprachwissenschaftlerInnen geteilt wird, soll es genügen.
Tatsächlich scheinen viele den Filmtitel intuitiv als falsch zu empfinden – „Als Warner vor wenigen Tagen den offiziellen Titel des zweiten HOBBIT-Films bekannt gab, ist einigen von Euch ziemlich bald aufgefallen, dass da etwas nicht stimmt“, heißt es auf der oben verlinkten Seite. Das kann man nun natürlich schwer quantitativ festmachen, aber es ist zumindest ein Indikator, dass ein Fehler im Sinne der obigen Definition vorliegen könnte. Kann man aber tatsächlich mit solcher Vehemenz von einem Fehler sprechen, dass es nötig scheint, von sechzehn Sätzen fünf mit einem Ausrufungszeichen abzuschließen?
Schauen wir uns den von Eilmann zitierten Vergleichssatz Das Auto vom / von dem Vater genauer an. Schon bei oberflächlicher Betrachtung wird klar, warum dieser Vergleich schief ist: Während es sich bei Smaug um einen Eigennamen handelt, handelt es sich bei Vater um ein Appellativum, wenn auch vielleicht nicht um ein prototypisches. Und dass sich Eigennamen grammatikalisch teilweise anders verhalten als Appellativa, lässt sich ebenfalls an einfachen Beispielen illustrieren – das neue Buch von Stephen King wird kaum jemanden hinterm Ofen hervorlocken (weder literarisch noch im Blick auf die grammatikalischen Eigenheiten des Satzes), während es bei das neue Buch von dem Autor von den ganzen Büchern, bei denen ich mich als Jugendlicher so gegruselt habe vielen kalt den Rücken herunterlaufen dürfte.
Aus demselben Grund ist Eilmanns Hinweis, man solle doch zum Vergleich den Artikel einfügen (die Einöde von dem Smaug), verfehlt – da Smaug ein Eigenname ist, wird das Wort standardsprachlich natürlich ohne Artikel gebraucht. Da ist es klar, dass das Einfügen des Artikels die Konstruktion umgangssprachlich und damit von der standardsprachlichen Warte aus „falsch“ wirken lässt.
Wie ist es nun aber mit das Auto von Peter? Zumindest mir erscheint diese Konstruktion deutlich weniger umgangssprachlich als das Auto von meinem Vater oder gar das Auto von der Frau. Leider scheint die Variation zwischen Genitiv- (das Auto des Vaters) und Präpositionalkonstruktion noch nicht besonders gut untersucht zu sein; bei meiner kurzen Recherche bin ich nur auf diesen Abstract gestoßen. Bei der „desolation of Smaug“ kommt natürlich noch erschwerend hinzu, dass die Relation, die im Englischen durch „of“ und im Deutschen durch „von“ ausgedrückt wird, nicht prototypisch possessiv ist, denn die Gegend „gehört“ Smaug ja nicht – er ist halt nur da und wesentlich dafür verantwortlich, dass sie sich in einem so desolaten Zustand befindet. Aber das soll uns hier nicht weiter stören, denn auch der prototypisch possessive Genitiv kann ja bekanntlich in einer Vielzahl weiterer Bedeutungsvarianten gebraucht werden (vgl. die Heimat des Papstes, die Taten der Mutter Teresa). „Die Einöde des Smaug“ wäre folgerichtig ein mindestens ebenso guter Titel – nach meinem Empfinden, und soweit gebe ich Eilmann sogar Recht, ein besserer als der aktuell geplante. Meine Kritik richtet sich lediglich gegen den etwas oberlehrerhaften Duktus des Briefes und die besagten Beispiele sprachlichen Kurzschlussdenkens. Hingegen bestreite ich nicht, dass der geplante Titel einer Krege-isierung des Tolkien-Universums Vorschub leistet (Wolfgang Krege zeichnet für die viel kritisierte Neuübersetzung des „Herr der Ringe“ verantwortich, aber auch für ganz ordentliche Übersetzung anderer Tolkien-Werke, darunter des „Hobbit“ – wobei ich hier nur das wiedergebe, das mir die „public opinion“ zu sein scheint; ich bin dann doch zu wenig Tolkien-Fan, um hier vertiefende Vergleiche angestellt zu haben). Von einem „gravierenden grammatikalischen Fehler“ scheint mir der Titel jedoch so weit entfernt wie so mancher Deutschlehrer von sprachwissenschaftlicher Kompetenz.
Damit nehme ich meinen Entzug von (!) der Linguistik wieder auf und wünsche allen, die dies lesen, noch frohe Feiertage (um auch die Brücke zum Titel zu schlagen), und sollten Deutschlehrer/innen darunter sein: No offense – und jetzt bitte keine Anglizismendebatte…

Literatur

Lakoff, George (1987): Women, Fire, and Dangerous Things. What Categories Reveal about the Mind. Chicago: The University of Chicago Press.
Taylor, John R. (2012): The Mental Corpus. How Language is Represented in the Mind. Oxford: Oxford University Press.

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