Voll asi: Gauck, Hoeneß und das a-Wort

von Stefan

[Hinweis: Dieser Beiträg enthält Beispiele diskriminierender Sprache sowie Zitate aus rassistischen Texten.]

Bundespräsident Joachim Gauck hat in den letzten Tagen mit der Aussage, wer Steuern hinterziehe, verhalte sich „verantwortungslos oder gar asozial“, für allerlei Aufsehen gesorgt. Insbesondere die Verwendung des Begriffs asozial ist ihm in diesem Zusammenhang mehrfach zum Vorwurf gemacht worden – zu Recht? Zeit für eine kleine Spurensuche.
Beginnen wir zur Abwechslung einmal mit einer Anekdote aus meiner Schulzeit. Es dürfte in der sechsten Klasse gewesen sein, als ich einmal ein Schulbuch vergessen hatte (früh übt sich, wer einmal ein verplanter Wissenschaftler werden will), woraufhin die Lehrperson einen Vortrag darüber hielt, wie unsozial es gegenüber der Klasse sei, seine Unterlagen nicht mitzubringen, und dabei besonders hervorhob, dass es eben nicht asozial, sondern unsozial sei. Unsozial sei viel schlimmer als asozial, denn wer unsozial handle, verstoße gegen die Regeln der Gemeinschaft, obwohl er diese Regeln kenne; wer asozial handle, kenne die Regeln gar nicht. Damals fand ich das überzeugend.
Heute ist mir natürlich klar, dass die Sache etwas komplexer ist. Auf rein semantischer Ebene geben und nehmen sich die beiden Begriffe nicht viel, ist un– doch einfach die deutsche Entsprechung zum lateinischen Negationspräfix a-. Entscheidend ist, wieder einmal, die Geschichte der Begriffe und die Aufladung, die gerade der Begriff asozial im Zuge seiner problematischen Verwendung in der NS-Zeit, aber auch in der DDR erfahren hat.
Einige grundlegende Informationen zur Begriffsverwendung im Laufe des 20. Jahrhunderts finden sich in den beiden einschlägigen Wikipedia-Artikeln (auch wenn der Artikel zum Nationalsozialismus nicht unbedingt gut geschrieben ist und teilweise Quellenangaben fehlen).
Im Nationalsozialismus wurde der Begriff asozial vor allem im pseudowissenschaftlichen Rassendiskurs verwendet. Als aufschlussreich erweist sich in diesem Zusammenhang ein Blick in die Auszüge, die sich in GoogleBooks für diesen Zeitraum finden. Gleich der erste Auszug, auf den man stößt, verdeutlicht die fatale Einkleidung erschreckenden ideologischen Gedankenguts in eine Sprache, die sich zumindest teilweise einen wissenschaftlichen Anstrich gibt (ein Duktus, den der Verfasser allerdings nicht ganz durchhalten kann).

„Man könnte nun einwenden, daß das Exempel von der verhältismäßig starken Vermehrung der Asozialen nicht stimmt, da doch die Nachkommen der Asozialen nicht wieder asozial zu sein brauchen. Hierzu ist festzustellen, daß der Erbanlagenkomplex zur Gemeinschaftsunfähigkeit heute erwiesen ist. Weiter ist zu bedenken, daß die allgemeingültige biologische Partnerregel auch für die Asozialen zutrifft, d.h. daß jeder die Frau hat, die er auf Grund seines Anlagebestandes im allgemeinen verdient, oder anders ausgedrückt: ‚Gleich und gleich gesellt sich gern‘. So findet der asoziale Lump die ihm anlagemäßig entsprechende Schlampe.“ (Neues Volk, Bd. 8, S. 161)

Parallelen zu modernen Bestsellerautoren verkneife ich mir an dieser Stelle. – Interessanterweise findet sich im gleichen Text auch die Gegenüberstellung von asozial und unsozial, jeweils mit der Definition „gemeinschaftsunfähig“ und „gemeinschaftsfeindlich“. Asozialität wurde also dezidiert als (Erb-)Krankheit behandelt, nicht als Verhaltensweise. Auch in einem Sammelband mit dem Titel „Kultur und Rasse“ wird diese Definition explizit aufgegriffen:

„Als „asozial“ bezeichnen wir im allgemeinen einen Menschen, der auf Grund erblicher Anlagen nicht in der Lage ist, sich nutzbringend in das Leben der Gemeinschaft einzuordnen“ (S. 122)

Über die genaue Definition des Begriffs bestand freilich keine Einigkeit; in der Zeitschrift „Volk und Rasse“ wird die Begriffsverwendung vor allem final begründet – es gehe darum, den

„beauftragten Dienststellen ein brauchbares Schema an die Hand zu geben, um von vornherein alle unerwünschten asozialen Großfamilien auszuschalten. Es konnte sich hier nicht darum handeln, jetzt bereits eine Formulierung des Begriffes ‚asozial‘ zu schaffen, sondern darum, ein Schema zu finden, das mit ziemlicher Sicherheit als rassenpflegerisches Sieb Anwendung finden kann“.

Aus den zitierten Passagen dürfte deutlich geworden sein, dass der Asozialitätsbegriff geschichtlich noch stärker aufgeladen ist, als vielen von uns vielleicht bewusst ist. Interessant ist daher das weitere Schicksal des Begriffes nach 1945.

„Nach dem Dritten Reich war der Begriff “asozial” in der Bundesrepublik lange Zeit ein Tabu. Selbst Kriminologen haben den Begriff aus ihrem Repertoire gestrichen.“,

schreibt ein Blogger  – leider ohne Quellenangabe.

„Auch nach 1945 blieb der Begriff mit den dahinter befindlichen Vorstellungskomplexen („zu faul zu arbeiten“, „können sich nicht anpassen“) Bestandteil des stereotypen Alltagsdenkens der deutschen öffentlichen Meinung. „Asoziale“ wurden als NS-Verfolgte selbst von anderen NS-Verfolgten nicht anerkannt.“,

heißt es dagegen in der Wikipedia – leider ebenfalls ohne Quellenangabe.

asozial_unsozial

Daten des Google ngram Viewer (Smoothing=0) zu „asozial“ und „unsozial“ zwischen 1900 und 2000

Wenn die Daten des Google ngram Viewer einigermaßen aussagekräftig sind, ist zumindest die Gebrauchsfrequenz des Begriffes kaum zurückgegangen – anders als etwa im Fall der wohl noch stärker und offensichtlicher belasteten Begriffe „Rasse“ und, in geringerem Maße, „Volk“. Das an sich muss natürlich nichts heißen, schließlich berücksichtigt der ngram Viewer auch zitative Verwendungen des Begriffes. Ein Blick auf die 118 Belege, die sich im DWDS-Kernkorpus für den Zeitraum von Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1990 finden, zeigen jedoch, dass von einem Tabu nicht wirklich gesprochen werden kann. Gewiss ist ein Großteil der Begriffsverwendungen eher distanzierend und/oder zitativ, in nicht wenigen Fällen wird ‚asozial‘ jedoch ohne jegliche Reflexion seiner problematischen Gebrauchsgeschichte verwendet – wenn auch natürlich nicht mehr im Sinne einer (auszurottenden) Erbkrankheit.

Es ist bekannt, daß die soziale Lage eines Volkes eng mit dem Wohnungsproblem verknüpft ist. Je größer die Wohnungsnot, desto gefährlicher neigt sich die soziale Lage nach dem Negativen, desto größer ist die Gefahr, daß asoziale Elemente überhandnehmen (Oheim, Gertrud, Das praktische Haushaltsbuch, Gütersloh: Bertelsmann 1967 [1954], S. 60)

Ein Mord oder ein Verbrechen anderer Art geht uns alle an. Wir alle sind und fühlen uns bedroht durch den asozialen Täter. Der Dieb, der gestern unseren Nachbarn bestohlen hat, kann heute oder morgen bei uns einbrechen. (Zimmermann, Theo, Der praktische Rechtsberater, Gütersloh: Bertelsmann [1968] [1957], S. 504)

Was für die BRD gilt, gilt auch für die DDR: Hier war der Begriff nicht nur kein Tabu, wie der unten zitierte BZ-Ausschnitt zeigt, sondern wurde sogar als Rechtsbegriff verwendet.

volk_rasse

Zum Vergleich: Daten des Google ngram Viewer zu „Volk“ und „Rasse“.

Der Vater. ein 28jähriger Lagerarbeiter, die Mutter, noch unter den Folgen eines Unfalls leidend, und die vierjährige Doris müssen jetzt auf 18 qm unter den meist asozialen „Flüchtlingen“ im Elendsquartier Flottenstraße hausen; nur weil es der Westberliner Bürokratie so gefällt. (BZ am Abend, 19.06.1958)

„Asoziales Verhalten“ wurde 1968 als Straftatbestand ins DDR-Strafgesetzbuch aufgenommen (§ 249 StGB/DDR, Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten). Interessant ist dabei die teilweise Gleichsetzung von Asozialität und Arbeitsscheu (laut Wikipedia bezogen sich die Regelungen auf Personen, die sich „aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzogen oder der Prostitution nachgingen oder sich auf andere unlautere Weise Mittel zum Unterhalt verschafften“), die auch in der NS-Zeit zu beobachten ist (vgl. die sogenannte „Aktion Arbeitsscheu Reich“ zur massenhaften Verhaftung und Verschleppung von ‚Asozialen‘). Die inhaltliche Füllung des Begriffs weist also bemerkenswerte Kontinuitäten auf – nicht nur zwischen NS-Zeit und DDR, sondern auch zwischen NS-Zeit und BRD sowie dem Begriffsgebrauch heutiger Tage.
Zwar sind asozial und die Kurzform asi in manchen Kontexten desemantisiert (vgl. die rein verstärkende Funktion in asozial geil, asi gut), aber insgesamt ist der Begriff kaum vom Stereotyp des arbeitsscheuen Unterschichtlers zu trennen – nicht zufällig bezieht sich die Begriffsprägung Asi-TV, für die man bei Google etwas über eine Million Belege findet (nur Seiten auf Deutsch), eher auf das Nachmittagsprogramm von RTL und SAT1 als auf den täglichen Börsenreport vor der Tagesschau.
Das Ergebnis unserer Spurensuche ist also gemischt: Einerseits ist asozial eindeutig ein geschichtlich stark aufgeladener Begriff, andererseits ist diese geschichtliche Belastung im öffentlichen Bewusstsein nicht so präsent, wie es zum Beispiel bei einem so problematischen Begriff wie Rasse der Fall ist – was wohl auch damit zu tun hat, dass es sich nicht um ein so zentrales ideologisches Element handelt. Tabuisiert ist der Begriff nur bedingt – wie ist also Gaucks Rede von „asozialen“ Steuerhinterziehern vor diesem Hintergrund zu beurteilen?
Sicherlich hätte Gauck auch den weitaus weniger belasteten Begriff unsozial verwenden können. Jemand wie Gauck, der – so mein Eindruck – eher dazu neigt, seine Worte sorgfältig abzuwägen, wird sich aber sicher etwas dabei gedacht haben, ausgerechnet auf die, unabhängig von ihrer Gebrauchsgeschichte, doch etwas härter anmutende Variante zurückzugreifen. Dass jemand wie Uli Hoeneß nicht ins Stereotyp des „Asozialen“ passt, gibt ja Gaucks Worten gerade ihre Schärfe – hätte er von „unsozial“ gesprochen, hätte wahrscheinlich kein Hahn danach gekräht. Anders als es Torsten Krauel in seinem Kommentar in der „Welt“ behauptet, kann es eben auch Aufgabe eines Bundespräsidenten sein, Partei zu ergreifen – und zwar mit deutlichen Worten. Das ist Gauck gelungen.
In den meisten anderen Punkten dagegen kann man Krauel Recht geben: Dass Gauck „Hoeneß noch vor Abschluss aller juristischen Ermittlungen als gefallenes Vorbild einstuft“, ist tatsächlich übereilt; auch Krauels Bedenken aufgrund der „unselige[n] Tradition“ des Begriffes kann man, wie wir gesehen haben, durchaus teilen. Dass Gauck eine „öffentliche, also amtliche Wertung einer Menschengruppe als ‚asozial'“ vornehme, stimmt jedoch wohlgemerkt nicht: Vielmehr spricht Gauck ja ausdrücklich von asozialem Verhalten, nicht etwa von einem asozialen Charakter – davon, dass die Menschen, auf die er sich bezieht, von Grund auf asozial seien, gar unfähig, ihre Fehltritte zu erkennen und daraus zu lernen, davon sagt Gauck kein Wort.
Noch etwas Anderes ist an Krauels Artikel interessant: Das fast schon pastorale Bild, das er vom Amt des Bundespräsidenten zeichnet. „Der Bundespräsident ist dazu da, immer auf die Möglichkeit zu bauen, dass aus einem Saulus ein Paulus werden kann.“ Ja, mehr noch: „Schloss Bellevue soll eine Zuflucht sein“. Das alles mag für sich genommen richtig sein, kann aber kaum als Argument dafür herhalten, dass ein Bundespräsident einfachste Wahrheiten für sich behalten sollte. Und zu diesen einfachsten Wahrheiten gehört nun einmal, dass Steuerhinterziehung – im ursprünglichen Wortsinne, wenn man über den historischen Ballast geflissentlich hinwegsieht – „asozial“ ist und dieselbe gesellschaftliche Ächtung verdient, wie sie dem sogenannten „Sozialschmarotzertum“, das man zumeist in niedrigeren Gesellschaftsschichten auszumachen geneigt ist, zuteil wird.

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