Das letzte Privileg

von Stefan

Die FAZ hat es wieder getan. Wie vor nicht ganz einem Jahr hat sie einen kritischen Kommentar zur Gleichstellung von Ehe und eingetragener Lebenspartnerschaft veröffentlicht, die gerade mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass die Ungleichbehandlung beider im Blick auf das Ehegattensplitting verfassungswidrig sei, wieder ein Stückweit vorangetrieben wurde.

Natürlich bietet das Urteil insofern Diskussionspotential, als man darüber debattieren kann, inwiefern sich Karlsruhe – wie ja ein oft gehörter Vorwurf lautet – hier als „Ersatzregierung“ geriert, und sicherlich sind Diskussionen darüber, was in die Zuständigkeit der Legislative und was in die der Judikative fällt, durchaus wichtig; darum soll es hier aber nicht gehen, wenngleich der Kommentar diesen Vorwurf unterschwellig aufgreift.
Vielmehr soll es um die Kernargumente gehen, mit denen Autor Reinhard Müller seine Position zu untermauern versucht, dass die Homo-Ehe keine Ehe sei. Die (Schein-)Argumente aus den Kommentaren, die ich im letzten Jahr an dieser Stelle besprochen habe (davon zwei ebenfalls von Müller), greift er dabei nur teilweise wieder auf; stattdessen stützt er sich weitgehend auf kruden Biologismus. Denn „es gibt nur eine Verbindung, die natürlich darauf angelegt ist, Kinder hervorzubringen – die von Mann und Frau. Jedes Kind hat Vater und Mutter.“ Gemeint ist natürlich: einen biologischen Vater, eine biologische Mutter. Es ist vielleicht eine Unterstellung, aus diesen Zeilen ein Schwarzweißdenken herauszulesen – Vater oder Nichtvater, Mutter oder Nichtmutter.
An anderer Stelle zeigt sich das Schwarzweißdenken des Autors offensichtlicher. Schon terminologisch ist seine Position klar: Es gibt Ehe und Nicht-Ehe, und die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft fällt unter Nicht-Ehe. „Denn worin soll der „besondere Schutz“ der Ehe noch bestehen, wenn noch ihr letztes Privileg abgeschafft wird?“, fragt er, und natürlich macht der Satz nur Sinn, wenn man die Homo-Ehe ausdrücklich nicht als Ehe betrachtet.
Seine Argumentation macht dann einen abenteuerlichen Bogen. Der Ehe werde deshalb besonderer Schutz zuteil, weil sie Vorstufe zur Familie sein könne, zitiert er aus einem Sondervotum des Verfassungsgerichts, um dann einzuräumen, dass freilich nicht jedes Kind bei seinen natürlichen Eltern aufwachse. Was sollen wir aus diesem Argumentationsgang schließen? Dass in seinen Augen nur ein Ehepaar mit leiblichen Kindern eine ordentliche Familie sei?
Den naheliegenderen Argumentationsweg beschreitet er nicht, wohl auch, weil der ihn in eine Sackgasse führen würde. Denn die eigentlich naheliegende Frage wäre doch: Was ist mit der wachsenden Zahl an kinderlosen Ehepaaren, die dieser Begründung des Sonderstatus der Ehe, nämlich dass sie „Vorstufe zur Familie sein kann, die wiederum Voraussetzung der Generationenfolge und damit der Zukunftsgerichtetheit von Gesellschaft und Staat ist“, so das Sondervotum, eigentlich das Fundament entzieht?
Der halsbrecherische Bogen der Argumentation geht aber noch weiter. Er zitiert eine Abgeordnete der Grünen, deren Vater früh verstorben ist und die in einer Debatte auf das Argument, dass dies doch eigentlich ein „defizitäres Lebensmodell“ sei, zu Recht genervt reagiert hatte: „Wollen Sie im Jahre 2013 allen Ernstes dieses blöde, diskriminierende Geschwätz (…) weiter aufrechterhalten?“
Müller heischt zunächst Verständnis für ihre Situation („Es ist in der Tat schlimm, wenn man wegen eines Unglücks angegriffen wird“), um dann die Frage zu stellen, die doch bitte für alle Negativpreise nominiert werden möge, die die Branche zu vergeben hat: „Aber zeigt nicht auch dieser traurige Fall, den es ja im und nach dem Krieg sehr oft gab, dass jene Kinder etwas vermissten?“
Die rhetorische Frage klingt vielleicht zunächst überzeugend, aber bei genauerem Hinsehen erweist sich der Halbwaisen-Vergleich als völlig absurd. Natürlich vermissen Meschen, die ihren Vater oder ihre Mutter verloren haben, diese Person – vermutlich selbst dann, wenn sie sie nie wirklich kennengelernt haben. Aber das bezieht sich nun einmal auf eine konkrete Person, die mit oder ohne Homo-Ehe nicht wieder lebendig wird. Was hat das Argument also in diesem Kontext zu suchen? Vermutlich läuft es auf das alte „Ein Kind braucht Vater UND Mutter zum Aufwachsen, sonst fehlt etwas“ hinaus, was natürlich Gender-Konstruktionen zementiert, gegen die sich längst nicht mehr nur eingefleischte Feministinnen zur Wehr setzen.
Weiter fragt Müller: „Soll man daraus den Schluss ziehen, es sei egal, ob Kinder mit Vater und Mutter aufwachsen? Und müsste man nicht allenfalls gleichgeschlechtliche Paare fördern, die Kinder aufziehen?“ Damit liefert er gleich die Steilvorlage zur Gegenfrage: Warum mit zweierlei Maß messen? Warum sollte das nur für gleichgeschlechtliche Paare gelten? Anders formuliert: Sollte man nicht allenfalls heterosexuelle Paare fördern, die Kinder aufziehen? (Meine Antwort übrigens: Ja, warum eigentlich nicht? Die Sonderstellung der Ehe als kulturelle Institution ist nicht an finanzielle Privilegien gebunden.)
Müller verfolgt seine rhetorischen Fragen nicht weiter, sondern kommt zu dem Schluss, dass es dem Bundesverfassungsgericht gar nicht darum gehe, die Ehe zu schützen. „Es geht um die Aufwertung der „sexuellen Orientierung“, obwohl sich dieses Diskriminierungsverbot gar nicht ausdrücklich im Grundgesetz findet.“ Moment, habe ich richtig gelesen, dass dieser Reinhard Müller bei der FAZ für die Themengebiete „Staat und Recht“ zuständig ist? Wenn ich das also richtig verstehe: Es ist in Ordnung, die Homo-Ehe zu diskriminieren, weil im Grundgesetz nichts Gegenteiliges steht. Aha. In Art. 3 Grundgesetz ist auch nicht die Rede davon, dass ich niemanden aufgrund seiner Frisur oder seiner Körperfülle diskriminieren darf. Darf ich jetzt dicke Leute mit Vokuhila benachteiligen?
Abschließend beschwört Müller noch einmal seinen kruden Biologismus: „Es soll nicht nur jeder so leben dürfen wie er will, was jeder längst darf: Es geht um die Schleifung aller (natürlichen) Unterschiede.“
Die Unterschiede, das gilt für die Ehe(n) wie auch in der gerade wieder neu entbrannten Gender-Debatte, sind letztlich nur so groß, wie wir sie machen. Die Ehe ist ein kulturelles Konstrukt, es gibt deshalb keinen „natürlichen“ Unterschied zwischen Homo- und Hetero-Ehe. Es gibt selbstverständlich „natürliche“ Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Lebenspartnerschaften – aber auch die beschränken sich im Grunde auf das, was im Bett passiert, und auf die Fortpflanzungsfähigkeit, die in Zeiten der Verhütung aber auch in der Hetero-Ehe keine so zentrale Rolle mehr spielt.
Müller übersieht auch, dass das Bild von Ehe und Gesellschaft, das er offenbar als gesamtgesellschaftlich konsensfähig voraussetzt, in weiten (wenn auch bei weitem nicht allen) Teilen der Gesellschaft, gerade in der jüngeren Generation, längst als überholt gilt – und das nicht, weil Toleranz, „Gleichmacherei“ und „Gutmenschentum“ gerade en vogue sind, sondern aus vernünftigen Überlegungen heraus, die freilich teilweise auch die Überwindung festgefügter und teilweise liebgewonnener Ideale und Vorstellungen fordern, von denen niemand ganz frei ist und die deshalb so verlockend sind, weil sie die Welt so einfach machen. Das Idealmodell der Familie mit Vater, Mutter, Kind gehört sicherlich dazu.
Vielleicht verhilft das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ja wirklich einer längst angebrochenen Kulturrevolution zum Durchbruch und leistet dem gesamtgesellschaftlichen Umdenken Vorschub. Und vielleicht ist es ja schon jetzt das letzte Privileg jener, die noch das Mantra „Früher war alles besser“ pflegen, in deutschen Leitmedien gegen Windmühlen zu schreiben. (Nun ja, wahrscheinlich ist es eher umgekehrt. Aber die Tatsache, dass Kommentare wie der hier diskutierte jede intellektuelle und argumentative Brillanz so schmerzlich vermissen lassen, ist nicht nur erschreckend, sondern gleichzeitig auch irgendwie beruhigend.)

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