Friedensnobelpreis für Hitler

von Stefan

Meine Kollegin und derzeitige Australien-Korrespondentin des Sprachlog Susanne Flach hat letzte Woche einen lesenswerten Beitrag über die Wahl der Deutschen Bahn zur „Sprachwahrerin des Jahres“ geschrieben. Ich persönlich finde ja den Zweitplatzierten bei dieser Wahl des Magazins „Deutsche Sprachwelt“, das immer wieder für ein paar Lacher gut ist, von denen leider die meisten im Halse steckenbleiben, noch viel spannender.  Die zweifelhafte Ehre des zweiten Platzes wird nämlich posthum Otfried Preußler zuteil, und zwar mit folgender Begründung:

Er konnte nicht verhindern, daß seine Bücher kurz nach seinem Tode Anfang 2013 politisch korrekt umgeschrieben wurden. Der Verlag machte etwa in einem Faschingskapitel der „Kleinen Hexe“ aus Eskimofrauen „Indianerinnen“, aus dem Hottentottenhäuptling einen „Seeräuber“ und aus den Negerlein „Messerwerfer“.

Abgesehen davon, dass das so nicht stimmt, da Preußler die Änderungen keineswegs nicht verhindern konnte, sondern sie – auch wenn er sich tatsächlich lange Zeit gegen solche Eingriffe gewehrt hatte – kurz vor seinem Tod noch abgesegnet hat [edit: zumindest, wenn man den Pressemitteilungen des Verlages glaubt], finde ich die Idee, einen Preis dafür zu verleihen, dass man etwas nicht verhindern konnte, außerordentlich innovativ und hätte da noch ein paar weitere Vorschläge:

  • Einen Pulitzer-Preis für „Twilight“-Autorin Stephenie Meyer, die nicht verhindern konnte, dass ihre ohnehin schon literarisch nicht eben hochwertigen (und unerträglich sexistischen) Bücher als Inspiration für noch schlechtere Softporn-Romane herhalten mussten, die wiederum eine Welle noch schlechterer SM-Phantasien in die Buchläden spülte.
  • Einen Oscar für Michael Curtiz, der nicht verhindern konnte, dass in den 80er-Jahren eine kolorierte Version seines Klassikers „Casablanca“ entstand.
  • Einen Preis der Freunde des Berliner Flughafens e.V. für meinen Vornamensvetter Stefan Anatolowitsch, der mit seiner eloquenten Stellungnahme zum Futur III die Fertigstellung des Berliner Flughafens leider auch nicht beschleunigen konnte.
  • Einen Bambi für Courage für Arnold Schwarzenegger, der trotz österreichischer Herkunft und einschlägiger Erfahrung als zeitreisender Terminator nicht verhindern konnte, dass anno 1889 Hitler geboren wurde.
  • Wo wir gerade bei Hitler sind: Einen Friedensnobelpreis für Napoleon und Hitler, die aufgrund ihrer gescheiterten Russlandfeldzüge und ihres unzeitigen Ablebens die derzeitige Krimkrise nicht verhindern konnten.
  • Und alle anderen Preise gehen dann bitte an mich, weil ich schon so viele Schwerverbrechen, Kriege, Völkermorde und Sprachwahlen nicht verhindern konnte, dass ich sie mir doch wirklich redlich verdient habe.

Um die Begründung der Preisvergabe doch noch einmal für einen Augenblick ernst zu nehmen (sofern das überhaupt möglich ist), kann man sie doch nur so verstehen, dass die Hinterwäldler Sprachweltler Begriffe wie Hottentotten oder Negerlein ernsthaft als Bereicherung der deutschen Sprache empfinden und für einen unentbehrlichen Bestandteil des deutschen Kulturguts halten. Das bedarf eigentlich schon keines Kommentars mehr. Umso trauriger ist es, dass in der deutschen Presse die Begründungen der „Sprachwelt“ zur Sprachwahrer-Wahl fast durchgängig völlig unkritisch zitiert werden.

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