Geistige Verarmung?

von Stefan

Da ich derzeit in so viele Nebenprojekte verstrickt bin, dass ich mich manchmal paradoxerweise dabei ertappe, zu prokrastinieren, indem ich tatsächlich an meiner Dissertation arbeite, habe ich eigentlich gar keine Zeit, diesen Blogpost zu schreiben. Aber weil dieser Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Thema aufgreift, auf das ich als Germanist und relativ häufiger Teilnehmer internationaler Tagungen oft angesprochen werde (meist von Laien, manchmal aber auch von anderen WissenschaftlerInnen), will ich wenigstens stichpunktartig zum Thema „Deutsch als Wissenschaftssprache“ äußern. Der verlinkte Artikel ist erfreulich neutral, was allerdings auch heißt, dass er die Position des Rektors der Uni Siegen, Holger Burckhart, der im Rahman des Philosophischen Fakultätentages die „geistige Verarmung“ der Wissenschaft durch die Verdrängung des Deutschen als Wissenschaftssprache beklagt hat, nur bedingt hinterfragt. Hier ein paar Auszüge aus dem Artikel und mein Kommentar dazu:

Wissenschaft arbeite „mit Wörtern, Metaphern, die in dem Denken verwurzelt sind, das auf der jeweiligen Muttersprache beruht“, so Burckhart. Zudem sei Englisch „nur anfangs einfach“. Kaum ein deutscher Wissenschaftler beherrsche dagegen qualifiziertes Englisch perfekt. Forscher suchten mit Englisch mehr Aufmerksamkeit, „entstellen aber ihre Arbeit, da sie deutsch Gedachtes mit englischen Worten ausdrücken“.

Hier hat Burckhardt zur Hälfte völlig Recht und zur Hälfte völlig Unrecht. Ja, jede Sprache hat ihre eigenen Metaphern, ihre eigenen Konstruktionen und Wendungen, auch und gerade in wissenschaftlicher Prosa. In den letzten Jahren habe ich die Möglichkeit, abwechselnd auf Deutsch und auf Englisch zu schreiben und vorzutragen, sehr zu schätzen gelernt. Durch die Übertragung in eine andere Sprache muss ich automatisch überdenken, was ich eigentlich ausdrücken möchte, und ich kann mich weniger gut hinter Floskeln und Worthülsen verstecken, für die es in der jeweils anderen Sprache kein direktes Äquivalent gibt. Zugleich scheint Burckhart jedoch eine Verknüpfung von Sprache und Denken im Sinne einer starken Whorfschen Hypothese anzunehmen, die so nicht zu halten ist. In der Formulierung „deutsch Gedachtes“ kommt diese Vorstellung in besonders absurder Weise zum Tragen. Auch scheint er anzunehmen, dass deutsche WissenschaftlerInnen, wenn sie in englischer Sprache schreiben, sich zunächst (bewusst oder unbewusst) deutsche Formulierungen zurechtlegen und sie dann auf Englisch übersetzen. Gerade wenn man relativ viel englischsprachige Fachliteratur liest, ist man jedoch mit den Konventionen und typischen Formulierungen derselben nach meiner Erfahrung rasch so vertraut, dass man den „Umweg“ über die Muttersprache gar nicht mehr braucht und vielmehr umgekehrt manchmal Probleme hat, für englisch Formuliertes eine einigermaßen adäquate deutsche Entsprechung zu finden.

Dabei geht es keineswegs darum, dass am deutschen Wesen die Welt genesen soll; sondern um Mehrsprachigkeit, die Muttersprache nicht ignoriert. Tagungen mit deutschsprachigem Publikum sollten auf Deutsch stattfinden, empfiehlt Burckhart, bei international besetzten Terminen eben mit Simultandolmetschern.

Wie oben erörtert, möchte ich hier keineswegs nur die zentrale Stellung des Englischen als Wissenschaftssprache verteidigen und alle anderen Sprachen als irrelevant abtun. Wie schon gesagt, kann mehrsprachiges Formulieren für den Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin und damit letztlich auch für die Wissenschaft ein Gewinn sein. Für nicht mehr ganz zeitgemäß halte ich indes die Sonderstellung des Deutschen als Wissenschaftssprache, die Burckharts Rede, der Tagung, auf die er sie gehalten hat, dem Artikel in der Süddeutschen und letzten Endes der ganzen Diskussion über „Deutsch als Wissenschaftssprache“ implizit zugrunde liegt. Gewiss, in der Vergangenheit wurde viel bedeutende Forschung auf Deutsch publiziert, sodass man argumentieren könnte (und es oft genug auch tut), dass besagte Sonderstellung des Deutschen historisch gewachsen sei. Aber dass etwas historisch gewachsen ist, ist noch lange kein Argument dafür, dass man es auch erhalten muss. Entscheidend ist der status quo, und das ist derzeit nun einmal, dass Englisch sich weltweit als lingua franca etabliert hat. Dass es daneben noch Hunderte, Tausende andere Wissenschaftssprachen gibt – also Sprachen, in denen Wissenschaft betrieben wird -, ist gut und richtig.

Forscher suchten mit Englisch mehr Aufmerksamkeit

Ich weiß, das habe ich oben schon zitiert, aber es lohnt sich, noch einmal auf diese oft gehörte Behauptung einzugehen. Einerseits stimmt sie natürlich – und was sollte daran schlimm sein? Als Forscher/in wird man ja nicht aus Steuergeldern bezahlt, um seine Resultate möglichst für sich zu behalten. (Man bezahlt allenfalls Verlage dafür, sie möglichst unzugänglich zu halten und hinter teuren Bezahlwänden zu verstecken, aber das ist wieder ein anderes Thema.) Andererseits geht es eben nicht nur um „Aufmerksamkeit“. Wissenschaft lebt heute mehr denn je von Austausch, Diskussion und Kooperation, und je mehr Menschen ich mit meiner Arbeit erreiche, desto mehr Feedback und Anregungen für weitere Forschungen kann ich auch bekommen.

Deutsche Professoren veröffentlichen daher zunehmend auf Englisch; selbst wenn es um Pressezensur im Norddeutschen Bund geht, um Flugschriften der Reformation, um Richard Wagner oder Ingeborg Bachmann.

Ja, auch vermeintlich „deutsche“ Themen stoßen durchaus auf internationales Interesse. Zweck der Geisteswissenschaften ist es ja letztlich, dem Menschen und seiner Kultur auf den Grund zu gehen. Die Untersuchung einzelner Sprachen und Kulturen, auch einzelner Biographien und der Werke einzelner Personen kann sich dabei als aufschlussreich erweisen, und zwar längst nicht nur für diejenigen, die der jeweiligen Kultur angehören oder die jeweilige Sprache sprechen. Wenn es beispielsweise darum geht, zu untersuchen, wie in der deutschen Geschichte und Gegenwart nationale Identität konstituiert wird, sind die daraus resultierenden Erkenntnisse auch international relevant. Wissenschaft, die selbst nationale Identität konstituiert oder zu konstituieren versucht, hat indes mit Wissenschaft nichts zu tun und daher in unserer Bildungslandschaft (hoffentlich) keinen Platz mehr. Obwohl…

Hochschulforscher des HIS-Instituts haben Forscher dazu befragt. „Die Erosion der deutschen Sprache vollzieht sich in Geisteswissenschaften nicht in demselben Maße wie in den Naturwissenschaften“, heißt es in der vom Bund geförderten Studie. Die Frage, ob Deutsch in ihrem Fach weltweit weniger Bedeutung als Englisch habe, bejahten aber fast 60 Prozent der Historiker; bei den Medienwissenschaftlern waren es 90 Prozent, sogar bei den Germanisten ein Fünftel.

Ich hatte leider keine Zeit, einen genaueren Blick auf diese Studie zu werfen (siehe oben), aber dieser Absatz lässt mich doch etwas an Fragestellung und Methodik der Untersuchung zweifeln und die Steuergelder bedauern, die dafür vom Bund aufgewendet wurden. Die unheilvolle Wortwahl – „Erosion der deutschen Sprache“! – spricht auch nicht gerade dafür, dass es sich um eine ernstzunehmende Studie handelt.

An Fakultäten kursiert ein böser Satz: „Publish in English or perish in German“ – „Publiziere auf Englisch oder verrecke auf Deutsch“. Denn Erfolg von Wissenschaft wird heute danach bemessen, wie oft man von Kollegen zitiert wird. Die Datenbanken dafür blicken eher auf englischsprachige Werke.

Dass Zitationsindizes kein zuverlässiger Gradmesser für Renommee und/oder Qualität sind, ist ebenfalls weitläufig bekannt, aber zugleich völlig sprachunabhängig. Das ist jedoch ein ganz anderes Thema.

Ja, das Deutsche hat als Wissenschaftssprache an Bedeutung verloren. Ist das schlimm? – Für WissenschaftlerInnen, deren Englisch nicht über Kinderbuchniveau hinausgeht, vielleicht. Für Philosophen, die noch der Mär anhängen, dass das Denken in der Sprache verwurzelt sei, vielleicht auch. Ansonsten ist der Niedergang des Deutschen als Wissenschaftssprache genauso wie sein einstiger Aufstieg einfach ein historical accident. Keine geistige Verarmung, auch keine Erosion der deutschen Sprache. Die deutsche Sprache ist noch immer wohlauf – und sie zu pflegen, obliegt uns als WissenschaftlerInnen an anderer Stelle, nämlich wenn es darum geht, unsere Erkenntnisse nicht nur der Fachwelt, sondern auch der Öffentlichkeit zu vermitteln.

Das ist ein Aspekt, der im Artikel nicht erwähnt wird: Dass die Wissenschaft in der Öffentlichkeit oft genug als Elfenbeinturm wahrgenommen wird, liegt auch an Sprachbarrieren, die aber nicht nur zwischen unterschiedlichen Sprachen, sondern auch innerhalb einer Sprache bestehen. Meine Oma kann mit einem deutschsprachigen Text von oder über Kant genauso viel oder wenig anfangen wie mit einem englischsprachigen, und das gilt auch für viele Menschen meiner Generation. Wenn es einen Bereich gibt, in dem die Erhaltung bzw. Etablierung des Deutschen als Wissenschaftssprache sich als sinnvoll und gewinnbringend erweisen kann, dann ist es die Populärwissenschaft; ein Bereich, der leider etwas in Verruf geraten ist, weil ihn die Wissenschaft lange Zeit Laien überlassen hat, die manchmal gut gemeinte, aber selten gut gemachte Werke hervorgebracht haben. Das ist zum Glück im Begriff, sich zu ändern – gerade in meiner Disziplin, der Sprachwissenschaft, gibt es Blogs und Webseiten sowie mittlerweile vereinzelt auch Bücher, die das bezeugen.

Daher der Appell: Beklagen wir nicht die „Erosion“ des Deutschen als Wissenschaftssprache auf eigens dafür veranstalteten Jammertagungen oder in stattlich finanzierten Lamentierstudien – vielmehr sollten wir das Deutsche in der Nische, in der es sinnvoll ist, als Wissenschaftssprache fruchtbar machen. Und die Zukunft des Deutschen als Wissenschaftssprache liegt nun einmal auch und gerade in guter Populärwissenschaft.

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