Sprachnörglerische Selbstbefriedigung

von Stefan

Die haarsträubenden Argumentationen und Fehlschlüsse von Sprachnörglern wie Bastian Sick, Wolf Schneider und Konsorten offenzulegen, gleicht einem Kampf gegen Windmühlen, weshalb ich in der Regel einen Artikel wie jenen von Franca Lavina Meyerhöfer in der Huffington Post auch unkommentiert lassen würde. Aber weil der Artikel so haarsträubend ist und mir glaubhaft versichert wurde, dass es Menschen gebe, die ihn trotz der so offensichtlich hanebüchenen Argumentation zustimmend auf Facebook teilen, tue ich es dennoch…

Diesen einen Denkfehler sollten Sie sich unbedingt abgewöhnen
Schon dem ersten Satz liegen so viele Fehlannahmen zugrunde, dass man fast einen ganzen Beitrag damit füllen könnte: „Zwischen der gesprochenen Umgangssprache und dem eigentlich korrekten Deutsch gibt es häufig leider große Unterschiede.“ Nun kann man viel darüber diskutieren, ob es so etwas wie „korrektes“ Deutsch gibt und wenn ja, ob die Abweichungen davon so bedauernswert sind, wie es das Wörtchen leider in Meyerhöfers Text suggeriert. Auf die Frage, wer denn festlegt, was „korrektes“ Deutsch ist, hat die Autorin – und darin unterscheidet sie sich nicht von ihren Brüdern im Geiste wie Sick & Co. – eine klare Antwort, denn immer wieder zitiert sie den Duden als Autorität (und sei das Zitat auch nur eine relativ banale Definition des Superlativs). Nun ist der Duden sicherlich das Referenzwerk fürs Standarddeutsche, doch wird zweierlei oft vergessen: Erstens, dass der Duden selbst den Sprachgebrauch nur abbildet. Wenngleich er in vielen Kontexten (z.B. Schulen und öffentlichen Institutionen) verbindlich ist und somit durchaus präskriptive Kraft besitzt, ist er doch in erster Linie ein Werk, das den Sprachgebrauch beschreibt und sich daher auch immer wieder an neue Entwicklungen anpasst, z.B. durch die Inkorporation neuer Wörter. Daher ist er zweitens trotz seiner Verbindlichkeit in einigen Kontexten kein „Gesetzbuch“, sondern allenfalls eine Orientierungshilfe, die in Zweifelsfällen von großem Nutzen sein kann.
Dass es solche Zweifelsfällen gibt, wissen wir aus der alltäglichen Erfahrung. Heißt es wegen des schlechten Wetters oder wegen dem schlechten Wetter? Die Wagen oder die Wägen? Auch der Duden weiß es nicht immer ganz genau und lässt in vielen Fällen mehrere Varianten zu. Im sprachnörglerischen Denken dürfte es solche Zweifelsfälle aber zumindest in der Standardsprache nicht geben – hier gibt es nur „richtig“ oder „falsch“. Dieses binäre Denken tritt auch in dem Totschlagargument zutage, mit dem Meyerhöfer begründet, warum Formen wie meist geklickteste Website falsch seien: „Warum Sie das vermeiden sollten? Weil es schlicht und einfach FALSCH ist!“
Um fair zu bleiben: Sie liefert noch eine genauere Begründung nach. Aber auch diese beruht teilweise auf Fehlschlüssen.

…und diesen auch
Überraschenderweise bedient sie sich nur am Rande der klassischen Erklärung, mit der solche Formen für inkorrekt erklärt werden: Formen wie meist geklickteste Website seien redundant, da der Superlativ doppelt markiert werde („Mehr als meist gelesen kann (…) ein Buch nicht sein“).. Das trifft tatsächlich zu, setzt aber fälschlicherweise voraus, dass Sprache immer logisch sein müsse und niemals Redundanz aufweisen dürfe. (Mit dem gleichen Argument werden Formen wie HIV-Virus für „falsch“ erklärt, obwohl in diesen Fällen die Redundanz für viele Sprecherinnen gar nicht mehr erkennbar ist – nicht jeder weiß, dass das V in HIV für Virus steht.)
Nein, ihr Hauptargument geht so: „Verben kann man nicht steigern. So einfach ist das. Verben kann man konjugieren, verneinen oder betonen, aber steigern kann man sie nicht. Also sollte man das auch nicht tun.“
Selbst wenn die Vorannahmen, auf denen dieses Argument beruht, korrekt wären, so liefe es doch darauf hinaus, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Was Verben können, entscheiden immer noch die SprachbenutzerInnen. Und wenn sie sich entscheiden, am Verb zu markieren, ob die Handlung von einem Mann oder von einer Frau ausgeführt wird, langsam oder schnell durchgeführt wird, ob es gerade Tag oder Nacht ist, dann ist das eben so. Und wenn SprachbenutzerInnen eine Steigerungsform für Verben für nützlich befinden, werden auch lautstarke SprachpflegerInnen sie nicht davon abhalten können (auch wenn die Komparationsformen dann vermutlich semantisch sehr heterogen wären). Viel wichtiger ist aber die Frage, ob es sich bei gelesen(st) überhaupt um ein Verb handelt. Dazu muss man wissen, dass die Wortartenbestimmung in der Sprachwissenschaft weitaus umstrittener ist, als es die relativ klare Wortarteneinteilung, die man uns in der Schule zumeist vorgaukelt, suggerieren mag. Umstritten ist insbesondere, nach welchen Kriterien die Wortartenunterteilung erfolgt: Nach der Semantik (Verben als „Tunwörter“, Nomen als „Dingwörter“ usw.)? Nach der Satzposition?
Nach beiden Kriterien ist der Status von gelesen als Verb fraglich. Gewiss, zunächst ist es die Partizipialform von lesen, doch werden Partizipien oft adjektivisch gebraucht. In manchen Fällen existiert nur noch die adjektivische Form, während das Verb außer Gebrauch gekommen ist oder eine andere Partizipform entwickelt hat: Zum Beispiel ist gediegen nicht mehr als Partizipialform von gedeihen erkennbar. Dennoch unterscheidet sich eine gediegene Mahlzeit synaktisch kaum von einer gediehenen Frucht. Attributiv gebrauchte Partizipialformen sind daher zumindest als Grenzfälle zwischen Verb und Adjektiv anzusehen und entwickeln sich bisweilen zu prototypischen Adjektiven. Und Adjektive kann man steigern. So einfach ist das.

…und den auch noch
Natürlich darf in dem Artikel auch ein Rant über das Steigern von absoluten Adjektiven nicht fehlen – dabei sind dieses Thema und die von Sprachnörglern gebetsmühlenartig wiederholte Argumentation diesbezüglich längst toter als tot. Meyerhöfer gesteht zwar ein, „dass Ausdrücke wie ‚in keinster Weise‘ und ‚vollstes Verständnis‘ als betonendes Stilmittel oder gar als Übertreibung durchaus gängig sind. Vom rein grammatikalischen Standpunkt aus untersucht, sind sie dennoch falsch.“ Auch dieser Argumentation liegt der oben diskutierte Fehlschluss zugrunde, dass Grammatik logisch (oder gar mit Logik gleichzusetzen) sei. In dieser vereinfachenden Sichtweise hat ein Wort, zum Beispiel kein, eine feste, idealerweise sogar eine logisch fassbare Bedeutung, und weil die in diesem Sinne feste, unveränderliche Bedeutung von kein sich auf ein absolutes, nicht steigerbares Konzept bezieht, muss sich die Grammatik dem Diktat der Logik unterwerfen – eine Steigerung ist deshalb ausgeschlossen. Aber Sprache ist nun einmal dynamisch. Wie es keine im strengen Sinne „richtigen“ und „falschen“ Verwendungsweisen von sprachlichen Konstruktionen gibt, so gibt es auch nicht „die“ Bedeutung eines Wortes. Bedeutungen verändern sich im Laufe der Sprachgeschichte, und selbst im synchronen Gebrauch kann dasselbe Wort in unterschiedlichen Kontexten verschieden gebraucht werden. Toter als tot zu sein, mag logisch unmöglich sein, doch wenn ich tot als Metapher verwende, um zum Ausdruck zu bringen, dass ich eine Theorie oder ein Argument für überholt, altbacken oder ähnliches halte, dann beziehe ich mich durchaus auf ein graduelles Konzept, das deshalb auch eine Steigerung zulässt. Das geozentrische Weltbild ist überholter als das kopernikanische, und spätestens seit Terry Pratchett wissen wir ja, dass selbst der völlig danebenlag.

Und das noch
Wäre ich Sprachnörgler, würde ich mich vermutlich über Meyerhöfers konsequent falsche Verwendung des Wortes Sprachfehler echauffieren – ein Sprachfehler ist schließlich laut Duden eine „physisch oder psychisch bedingte Störung in der richtigen Aussprache bestimmter Laute“. In einem vorherigen Artikel hatte Meyerhöfer das Wort immerhin noch in Anführungszeichen gesetzt, ansonsten jedoch ähnlich haarsträubend argumentiert. Außer über superlativierte Verben und absolute Adjektive schreibt sie in jenem Artikel auch noch über die „Gender-Endung genderloser Anglizismen“ wie Teenagerin und Songwriterin:

„Lieber Leser und liebe Leserin, bitte glauben Sie mir, hier geht es nicht um Feminismus, sondern um Grammatik. Und grammatikalisch gesehen ist “Teenagerin” falsch. Das Wort ist ein Anglizismus, also ein Wort, welches aus der englischen Sprache in die deutsche Sprache übernommen wurde. Im Englischen steht “Teenager” aber sowohl für Jungen wie Mädchen. Auch im Deutschen hat “Teenager” kein definiertes Geschlecht. Es ergibt sich aus dem Kontext. Ein “Teenager” ist als Wort geschlechtslos, also WEDER männlich noch weiblich. Ein „Teenager“ kann beides sein.“

gedanke

Absolute Frequenzen der Wortformen „Gedanke“, „Gedankens“ und „Gedanken“ im W-Korpus von COSMAS II.

Man muss nicht besonders linguistisch bewandert sein, um zu erkennen, dass diesem Argument ein Fehlschluss zugrunde liegt – der nämlich, dass ein entlehntes Wort zwangsläufig die grammatikalischen und semantischen Eigenschaften mit sich bringt, die ihm in der Gebersprache eigen sind. Doch Wörter werden nun einmal in aller Regel in die Zielsprache integriert, und das umso stärker, je häufiger sie verwendet werden und je mehr sie damit zum alltäglich gebrauchten Wortschatz gehören. Doch selbst wenn Teenager und Songwriter keine relativ häufigen Anglizismen wären, wäre nicht davon auszugehen, dass Otto Normalsprachbenutzer um die „Geschlechtslosigkeit“ englischer er-Derivate weiß. Für SprecherInnen des Deutschen bezeichhnet eine Personenbezeichnung auf -er zunächst einmal einen Mann, egal, ob es sich um den urdeutschen Bäcker oder den scheinentlehnten Showmaster handelt.
Wäre ich Sprachnörgler, so könnte ich auch darüber spotten, dass sie „Anfang jenen Gedankens“ zu „Anfang jenes Gedanken“ (sic!) korrigiert – womit sie wohl einem ähnlichen Frequenzeffekt unterliegt wie dem, der für den „falschen“ Genitiv bei Ende diesen Jahres verantwortlich ist. Immerhin erkennt sie die Rolle von Frequenzeffekten an: „Dieser Fehler ist sehr häufig. Das liegt daran, dass andere Ausdrücke wie “Ende letzten Jahres” oder auch “Ende vergangenen Jahres” eben dieses “n” haben und es in diesem Zusammenhang völlig korrekt ist.“ Zu ergänzen wäre, dass auch jeden Jahres, was seinerseits auf die insgesamt etwas frequentere Form eines jeden Jahres zurückgeführt werden kann, relativ häufig vorkommt und vermutlich ebenfalls einen Beitrag zur Dominanz der en-Form leistet.

jeden_jahres

Absolute Frequenzen von „(eines) jeden Jahres“ und „jedes Jahres“ im W-Korpus von COSMAS II.

Auch in diesem Zusammenhang arbeitet Meyerhöfer mit einer etwas verquasten Wortklassenargumentation (bottom line: bei letzten in Ende letzten Jahres handelt es sich um ein Adjektiv, dem ein Artikel vorangestellt werden kann; bei dieser/jener geht das nicht, weil es sich um Demonstrativpronomina handelt), womit sie abermals die Rolle dessen, was man als Schulgrammatik bezeichnen könnte, im sprachlichen Wissen über- und die Rolle kognitiver Mechanismen wie Analogiebildung unterschätzt. Salopp gesagt: Wenn wir ein Wort gebrauchen, fragen wir uns nicht, ob es ein Nomen ist, ein Adjektiv oder ein Verb, sondern vielmehr, ob es mit dem konform geht, was wir sonst so kennen und was die Anderen benutzen. Und da kann auch eine Form wie Anfang dieses Jahres, die nach einer mehr oder minder logischen Regelgrammatik die „korrekte“ wäre, als merkwürdig, abweichend, ja „falsch“ erscheinen.

Der letzte Fehlschluss
Der Text schließt mit einer Warnung:

„Hier noch ein kleiner Tipp am Rande: Wenn Sie nun versucht sind, Ihre Mitmenschen stets darauf hinweisen, wenn sie einen falschen Superlativ verwenden, seien Sie gewarnt: Als Sprachnörgler machen Sie sich nicht beliebt – irgendwie befriedigend ist es trotzdem.“

Wie befriedigend Sprachnörglertum sein kann, sei dahingestellt. Beliebt machen kann man sich mit Sprachnörgelei aber sehr wohl, schweißt doch kaum etwas mehr zusammen als das gemeinsame Herabschauen auf diejenigen, die es „falsch“ machen: sei es im Straßenverkehr, in der Kleidung (man beachte die Links zu anderen HuffPost-Artikeln, die den LeserInnen des Sprachnörgeltextes ans Herz gelegt werden – wer mag, kann gleich weiterlesen: „Peinlicher geht’s nicht: Diese Promis tragen Teenie-Klamotten auf ihrem Rentner-Körper“ – „Promis“ heißt in dem Fall, natürlich, „Frauen“), im Leben – oder eben in der Sprache.

Fazit
Eigentlich ist es doch ganz einfach, oder?
Also tun Sie sich, uns und der deutschen Sprache einen Gefallen und vermeiden Sie all diese haarsträubenden Fehlschlüsse und Argumentationsketten.
Warum Sie sie vermeiden sollten? Weil sie schlicht und einfach FALSCH sind.

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