Alles Käse – oder doch eher Wurst?

von Stefan

Der Begriff „postfaktisch“ bestimmt seit längerer Zeit die politische Debatte und wurde daher nicht ganz zu Unrecht zum Wort des Jahres gewählt. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob die Rede von einem „postfaktischen Zeitalter“ wirklich den Tatsachen gerecht wird, setzt diese Idee doch voraus, dass dem postfaktischen ein „faktisches“ Zeitalter vorausgegangen sei. Dass Fakten bewusst oder unbewusst ignoriert werden und dass Gefühle die Debatte bestimmen, ist indes kein neues Phänomen – gerade für mich als Sprachwissenschaftler, als Angehöriger einer Zunft also, die seit Jahren zumeist vergeblich mit wissenschaftlichen Fakten gegen gefühlte Wahrheiten wie die unausrottbaren Sprachverfallsmythen anargumentiert. Dass mit solchen gefühlten Wahrheiten gezielt auf Stimmenfang gegangen wird, ist allerdings tatsächlich ein Phänomen, das sich im zu Ende gehenden Jahr sehr deutlich und wohl auch in etwas größerem Ausmaß als bisher gezeigt hat.

Wie man mit relativ fadenscheinigen Behauptungen Politik machen kann, zeigt derzeit Agrarminister Christian Schmidt, dessen Interview mit der Bildzeitung gerade Furore macht. Darin fordert er unter anderem (mal wieder) eine Schweinefleischpflicht für (Schul-)Kantinen. Begründung: „Fleisch gehört auf den Speiseplan einer gesunden und ausgewogenen Ernährung, auch in der Kita- und Schulverpflegung.“ Dass Fleisch für eine gesunde und ausgewogene Ernährung unentbehrlich ist, ist mindestens umstritten (und sagt zudem nichts über die Notwendigkeit von Schweinefleisch aus). Die Forderung und die zu ihrer Begründung herangezogene Behauptung dienen ganz offensichtlich nur einem Zweck: Islamfeindliche Ressentiments zu bedienen und den postfaktischen Mythos zu nähren, Schweinefleisch würde aus Rücksicht bzw. vorauseilendem Gehorsam gegenüber Muslimen vom Speiseplan einer wachsenden Anzahl an Kantinen genommen.

Wie so viel von dem, was derzeit als „postfaktisch“ bezeichnet wird, gehört Schmidts Aussage damit in den Bereich dessen, was der Soziologe Harry Frankfurt bereits in den 80er-Jahren etwas pointierter als „Bullshit“ bezeichnet hat. Frankfurt: „[The bullshitter] does not care whether the things he says describe reality correctly. He just picks them out, or makes them up, to suit his purpose.“

Noch deutlich fadenscheiniger fällt seine Begründung dafür aus, Bezeichnungen wie „vegetarische Currywurst“ oder „veganes Schnitzel“ zu verbieten: Sie seien „komplett irreführend und verunsichern die Verbraucher“. Ich bin mir nicht sicher, welche Verbraucher er da im Auge hat, aber es liegt auf der Hand, dass so ziemlich jede alternative Bezeichnung irreführender wäre. Auch hier ist das Ziel des ebenso populistischen wie aktionistischen Vorschlags unverkennbar – treffend heißt es in einem Kommentar, der Minister bediene „publikumswirksam Vorbehalte in einigen Bevölkerungsschichten gegen vegane Ernährung“. Wie bei so vielen aktionistischen Vorschlägen aus den Reihen der CSU, aber auch anderer Parteien, ist unschwer zu erkennen, dass hier ein Aufstand des vermeintlich „Normalen“ gegen die Auswüchse „linksgrün-versifften“ Denkens und Handelns inszeniert werden soll.

Allerdings ist das von Schmidt in den Raum gestellte Verbot für Fleisch- und Wurstbezeichnungen für vegetarische Produkte nicht ganz ohne Präzedenz. Bereits vor einiger Zeit untersagte das Landgericht Trier einem Eifeler Betrieb, seinen veganen Käse als „Käse“ zu bezeichnen, wobei es sich auf die Verordnung 12308/2013 des Europäischen Parlaments bezog, der zufolge Begriffe wie „Käse“, aber etwa auch „Butter“ ausschließlich Milcherzeugnissen vorbehalten sind, wobei „Milch“ wiederum „ausschließlich dem durch ein- oder mehrmaliges Melken gewonnenen Erzeugnis der normalen Eutersekretion, ohne jeglichen Zusatz oder Entzug, vorbehalten [ist]“. Auch die landläufige Bezeichnung „Sojamilch“ widerspricht also dieser Verordnung.

Natürlich hat eine solche EU-Verordnung herzlich wenig mit dem alltäglichen Sprachgebrauch zu tun. Niemand verbietet es einer Privatperson, pflanzlichen Käse als Käse zu bezeichnen oder Sojamilch als – nun ja, Sojamilch. Dennoch scheint teilweise davon ausgegangen zu werden, dass derlei Verordnungen auch für den Alltagsgebrauch normative Kraft hätten. Mehr noch: Es wird gleichsam eine unhintergehbare Verbindung zwischen einem Begriff gesehen und dem, was er – gemäß der „offiziellen“, durch (vermeintliche) Autoritäten sanktionierten Definition – bezeichnet. Diese Position bezeichne ich gern als „ontologischen Fehlschluss“ – sehr schön erkennbar in einer Überschrift wie „Warum veganer Käse kein Käse ist“ oder einer Formulierung wie jener, dass es veganen Käse „gar nicht geben kann, weil per Definition nur Käse ist, was aus Milch gemacht wurde.“ Diese Gleichsetzung von Begriff und Sache findet sich auch in Überschriften zu Schmidts Vorschlag wieder, die – vermutlich bewusst sensationsheischend – behaupten, Schmidt wolle „vegane Currywurst“ verbieten.

Was zeigt: Derlei Sprachregulierungen führen zu deutlich mehr Verwirrung und Verunsicherung als die angeblich irreführenden Begriffe selbst. Der Vermarktung vegetarischer Produkte mit Fleisch- oder Wurstbezeichnungen steht glücklicherweise (noch) keine Verordnung im Wege. Käme eine solche Verordnung tatsächlich, wäre das freilich keine Katastrophe – denn sie schadet letztlich genauso wenig, wie sie nützt. Sie wäre letztlich nur eine populistische Luftblase, Blendwerk, – Bullshit eben.

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