„Beizeiten“ wird alles gut

von Stefan

Die Älteren unter uns erinnern sich: Vor mittlerweile schon über einem Jahr habe ich hier im Blog nach Beispielsätzen gefragt, in denen das Wort beizeiten vorkommt. Seitdem habe ich die Veröffentlichung der Ergebnisse immer wieder vor mir hergeschoben, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass ich den Blogbeitrag noch mit einer Korpusrecherche ergänzen wollte, statt mich „nur“ auf die Beispielsätze zu stützen. Jetzt bin ich endlich dazu gekommen, wenigstens eine kleine Korpussuche zu diesem Thema in Angriff zu nehmen.


Auslöser für die Aktion im letzten Jahr war ein Gespräch mit meinem guten Freund und Kollegen Michael Pleyer, bei dem uns auffiel, dass wir das Wort beizeiten in unterschiedlichen Bedeutungsvarianten benutzen. Das an sich wäre noch nicht bemerkenswert gewesen, wenn wir nicht gleichzeitig bemerkt hätten, dass uns beiden die jeweils andere Bedeutungsvariante zuvor unbekannt war. Einige der LeserInnenbeispiele mögen die unterschiedlichen Lesarten verdeutlichen:

a) ‚rechtzeitig, frühzeitig‘
(1) Also ich habe mich heute schon beizeiten auf den Weg zur Arbeit gemacht und kam dann trotzdem fast zu spät
(2) “Komm aber beizeiten wieder nach Hause, ja?”
(3) Ich will heut beizeiten ins Bett, damit ich morgen fit bin.

b) ‚bei Gelegenheit / wenn du Zeit hast‘
(4) Wir werden da beizeiten nochmal ausführlich drüber sprechen, aber jetzt heißt es erstmal machen statt reden.
(5) Wir sollten beizeiten Mal was essen gehen. Sag einfach bescheid, wann’s dir passt.

Bedeutung a) ist diejenige, die als einzige vom Duden angegeben wird: ‚zur rechten Zeit, bevor es zu spät ist‘. Als (historischer) Sprachwissenschaftler finde ich die Bedeutungsvariation in mehrfacher Hinsicht interessant. Es ist ja nicht so, dass sich eine Bedeutungsvariante unmittelbar aus der anderen ableiten ließe – vielmehr bringt Variante b) beinahe das Gegenteil der Variante a) zum Ausdruck (‚irgendwann mal‘ statt ‚frühzeitig‘). Und dennoch liegt die Erklärung für die zweite – (noch) nicht dudenkonforme – Lesart geradezu auf der Hand: beizeiten wird, im Blick auf seine Entstehungsgeschichte durchaus korrekt, als „bei Zeiten“ reanalysiert, worauf auch folgender Internetbeleg hindeutet (wenn die Binnenmajuskel nicht einfach ein Tippfehler ist):

(6) Vielleicht könntest Du beiZeiten mal was zum Thema richtiges Photographieren erzählen. (http://www.lanckenau.de/g%C3%A4stebuch/)

Das so analysierte bei Zeiten wird nun parallel zu bei Gelegenheit verstanden und gebraucht. Ob diese Parallele für das Aufkommen der Bedeutungsvariante b) mitverantwortlich ist, darüber kann ich an dieser Stelle nur spekulieren – es erscheint mir jedoch sinnvoll, zumal mitunter auch mitunter im Sinne von ‚unter Umständen‘ gebraucht wird, was einen eigenen Blogbeitrag wert wäre. Die besagte Reanalyse liegt aber auch deshalb nahe, weil es zahlreiche sogenannte Brückenkontexte gibt, in denen beide Lesarten möglich sind. Wieder zwei LeserInnenbeispiele:

(7) Ich hoffe beizeiten zu erfahren, wofür die Beispielsätze benötigt werden.
(8) Das sollte man mal beizeiten erledigen.

Auch wenn auf meine Anfrage hin doch einige Beispielsätze zusammengekommen sind, reichen sie natürlich nicht aus, um die Alters- oder regionale Verteilung der Varianten zu bestimmen. Auch meine kleine Korpusstudie, die ich im Folgenden vorstelle, kann dies nicht leisten; immerhin jedoch zeigt sie, dass die Verwendung von beizeiten in Lesart b) verbreiteter ist, als zumindest ich angenommen hatte.
Um den Gebrauch von beizeiten korpusbasiert zu untersuchen, habe ich zwei Subkorpora von COSMAS II anaylsiert: Zum einen die Braunschweiger Zeitung, die lektorierte Zeitungssprache repräsentiert; zum anderen die ebenfalls über COSMAS II verfügbaren Diskussionsseiten von Wikipedia, die als konzeptionell nähesprachlicher einzustufen sind. Zwar handelt es sich hier nicht gerade um ungezwungene Plaudereien, aber die Diskussionen stehen einem Alltagsgespräch doch deutlich näher als etwa Zeitungstexte oder auch die Wikipedia-Einträge selbst.
Neben den oben genannten Lesarten ist vor allem in der Braunschweiger Zeitung noch eine dritte präsent, nämlich c) ‚manchmal, gelegentlich‘:

(9) Die hier ansässigen Freizeitdiktatoren sind beizeiten recht klickfreudig (Wikipedia)
(10) Nebenbei macht man beizeiten hier [im Schwimmbad, S.H.] sogar die Schularbeiten (Braunschweiger Zeitung)

Fig. 1: Verteilung der Lesarten in der "Braunschweiger Zeitung" sowie auf den Diskussionsseiten der Wikipedia

Fig. 1: Verteilung der Lesarten in der „Braunschweiger Zeitung“ sowie auf den Diskussionsseiten der Wikipedia

Auch diese Lesart ist nicht ganz überraschend; vielleicht lässt sie sich auf die Ähnlichkeit mit bisweilen zurückführen, vielleicht sogar auf die semantische Ähnlichkeit der Konstituenten mit jenen von engl. at times, vielleicht handelt es sich unabhängig davon aber auch einfach um eine Reinterpretation des Begriffes im Kontext. Egal welche Erklärung die richtige ist, zeigt diese Bedeutungsvariation doch eindrucksvoll, dass Bedeutung nichts Statisches ist, sondern in der Interaktion gleichsam immer wieder neu verhandelt werden muss.
Wenn wir einem Wort zum ersten Mal begegnen – das kommt ja auch im fortgeschrittenen Alter gelegentlich vor -, müssen wir nicht jedesmal nachfragen, was es bedeutet. Vielmehr können wir das Wort aus dem Kontext heraus verstehen – gerade, wenn es sich um ein Wortbildungsprodukt handelt, dessen einzelne Konstituenten wir kennen. Nehmen wir zum Beispiel an, jemand hat noch nie das Wort „Verabwesendung“ gehört – was gar nicht so unwahrscheinlich ist. Aus den Konstituenten, also dem Präfix ver-, dem Adjektiv abwesend und dem Suffix –ung, können wir jedoch schnell schließen, dass es darum geht, etwas abwesend zu machen. (Tatsächlich wurde der Begriff „Verabwesendung“ im 19. Jh. als Bezeichnung für die Höflichkeitsstrategie geprägt, Anwesende in der 3. Person anzusprechen – vgl. das Anredepronomen Er/Sie, etwa in „Hat Er schon gespeist?“, das im Deutschen zunächst höflich war, später jedoch abwertend gebraucht wurde.) Und selbst wenn wir die einzelnen Konstituenten nicht kennen, können wir unbekannte Wörter im Kontext verstehen, wie etwa Lewis Carrolls längst zu Tode zitiertes Gedicht „Jabberwocky“ zeigt.
Das Beispiel beizeiten zeigt überdies, dass die Konzeptualisierung, die ein sprachliches Zeichen im Hörer evoziert, nicht unbedingt derjenigen entsprechen muss, die die Sprecherin vermitteln wollte. Damit stellt die Bedeutungsvariation von beizeiten auch ein Argument gegen die Schlussfolgerung dar, die der Nijmegener Sprachwissenschaftler Pieter Seuren aus seiner Verkehrsmetapher zieht, die ich im letzten Post diskutiert habe. Wenn es im Verkehr keine festen Regeln gebe, so seine Argumentation, würden die Menschen bald einfach aufhören, Auto zu fahren, da es schlicht zu gefährlich werden würde. Genauso in der Sprache: Wenn es keine festen (lies: angeborenen) Regeln und Prinzipien gäbe, würden sich die Menschen einfach nicht verstehen und folgerichtig das Reden einfach aufgeben. Unser Beispiel zeigt jedoch, sehr überspitzt gesagt: Wir verstehen uns nicht – aber wir machen aus der Not eine Tugend und kommunizieren mit unseren unvollkommenen Mitteln so gut wir eben können. Und Missverständnisse können die Wurzel für Sprachwandel bilden.
Von einem „Missverständnis“ zu reden, ist hier natürlich nicht nur deshalb problematisch, weil es zu wertend wirkt. Auch unterstellt es, dass die dudenkonforme Bedeutung a) von „beizeiten“ die ältere sei, was ich bisher als Prämisse zugrundegelegt habe, ohne dafür Evidenz zu liefern. Im GerManC-Korpus, das die Zeitspanne von 1650 bis 1800 abdeckt, finden sich insgesamt zehn Belege für „beizeiten“, allesamt in der noch nicht zusammengerückten Variante „bey Zeiten“, die alle Lesart a) entsprechen, z.B.

(11)  darumb muessen wir unsern Reise-Compass anders einrichten und uns bey zeiten auf die Glut legen/ damit wir in dem Alter desto tauglicher seyn das Feuer zu erdulden (NARR_P1_WOD_1682_Feuermaeuer)
(12) Damit wir uns bey zeiten zu dem Tode bereiten/ und wenn deine Stimme uns von hinnen fordert/ wir seelig abscheiden/ und zu dir in die ewige Freude hinein gehen moegen. (SERM_P1_NoD_1690_WilleGottes)

Neben bey zeiten gibt es noch weitere Kombinationen aus Präposition + zeiten, die teilweise im Laufe der Zeit univerbiert werden (d.h. zu einem Wort verschmelzen). Im GerManC-Korpus (das insgesamt knapp 690.000 Wörter hat) findet sich zwölfmal zu Zeiten (Belege für zu Zeiten + Genitiv, z.B. zu Zeiten Caesars, nicht mitgezählt), sechsmal in Zeiten, 19-mal vor Zeiten (davon viermal in der univerbierten Variante vorzeiten).

(13) Wann, wider alles Vermuthen, entweder die benachbarte Zuenffte an dem von der Rothgerberzunfft zu Reutlingen gemachten Widerspruch und Vorwurff Theil nehmen, oder dise leztere in der Renitenz gegen ihre Obrigkeit beharren wollten, ueber diser Kayserlichen Verordnung zu halten, und allen weiters zu befuerchtenden Unruhen in Zeiten vorzukommen. (LEGA_P3_WMD_1772_RegimentsVerfassung)
(14) denn zuweilen hat es eine ungemeine Tieffe, zu Zeiten auch an einigen Orten Sand-Baencke,  (HUMA_P2_WMD_1737_Curiositaeten)

zuzeiten tritt später ebenfalls univerbiert auf:

(15) Indessen ist es wohl zuzeiten nötig, so wie man ein Pferd seiner zu großen Wildheit wegen liebkosen muß, daß man einem halsstarrigen Bürger aus Furcht vor seiner Macht schmeichelnd begegnen muß; (COSMAS II – HIST)

Sogar im 21. Jahrhundert tritt zuzeiten noch vereinzelt auf – meist in der kompositionalen Lesart zu Zeiten + Gen wie in (16), zuzeiten jedoch auch in der hier exemplifizierten Lesart (boah, ist dieser Satz meta), die sich auch in (17) wiederfindet.

(16) Schwerpunkt sind die Eburonen, ein keltischer Stamm, der  zuzeiten von Julius Cäsar im Rheinland ansässig war. (RHZ12/MAR.23241)
(17) Das waren noch Zeiten, als uns Emma Looser im «Wiisse Esel» – so nannten wir boshaft die heimelige Gaststätte an der Schmiedgasse 24 – zuzeiten einen Becher Bier ausschenkte. (A12/JUN.12500)

Fig. 2: Diachrone Entwicklung von "beizeiten", "vorzeiten" und "zuzeiten"

Fig. 2: Diachrone Entwicklung von „beizeiten“, „vorzeiten“ und „zuzeiten“. („zuzeiten“ ist nicht in allen Perioden belegt, daher ist die Linie mehrfach unterbrochen.)

Während zuzeiten kaum noch gebraucht wird und vorzeiten sehr antiquiert wirkt und entsprechend allenfalls noch in historischen Kontexten wie (18) gebraucht wird, hat sich beizeiten einigermaßen gut gehalten. Wie ein Vergleich der Frequenzdaten des historischen Korpus von COSMAS II mit einem COSMAS II-Subkorpus aus Zeitungstexten ab 1950 zeigt, hat seine Frequenz jedoch – zumindest in lektorierter Zeitungssprache – deutlich abgenommen.

(18) Kaiser Karl hatte vorzeiten hier in Thüringen ein Konzil abgehalten

Natürlich müssen die Frequenzdaten von COSMAS II gerade für frühere Jahrhunderte wegen der relativ geringen Korpusgröße (im Vergleich zur „Explosion“ der Korpusgröße ab ca. 1990) mit etwas Vorsicht genossen werden. Gleichwohl ist doch unübersehbar, dass beizeiten an Frequenz eingebüßt hat. Das Aufkommen der Bedeutungsvariation kann nun durchaus als logische Folge der sinkenden Frequenz gedeutet werden: Wenn wir einem Wort seltener begegnen, ist nicht nur die kognitive Verankerung des Wortes selbst geringer, sondern wir haben auch weniger Chancen, die „richtige“ Bedeutung aus dem Kontext zu erschließen. Dass sich eine neue Bedeutung etablieren kann, hat natürlich noch andere Gründe: Aufgrund der Faktoren, die ich oben versucht habe darzulegen, liegt Lesart b) von beizeiten durchaus nahe. Überdies bietet sich beizeiten als kurze und knackige Alternative zu bei Gelegenheit an.

beiz_Wiki_Plenarprotokolle

Relative Frequenz von „beizeiten“ und „bei Gelegenheit“ in den Wikipedia-Diskussionen und in Plenarprotokollen

Kommen wir noch einmal zum Wikipedia-Korpus zurück: Ist der Gebrauch von beizeiten dort repräsentativ für den gesprochensprachlichen Gebrauch? Nicht unbedingt: Wie ein Vergleich mit Plenarprotokollen zeigt (zugegebenermaßen auch nicht unbedingt die konzeptionell nähesprachlichste Textsorte), ist die relative Frequenz von beizeiten – wie auch von bei Gelegenheit – in den Wikipedia-Diskussionen deutlich höher als im Plenarprotokolle-Korpus. Das liegt in der Natur der Gespräche, die auf Wikipedia-Diskussionsseiten geführt werden: Immer gibt es etwas zu verbessern und zu ergänzen, was der Eine oder die Andere unter den Beitragenden übernehmen und bei Gelegenheit oder eben beizeiten erledigen möchte. Dass die Lesart b) im Wikipedia-Korpus überrepräsentiert ist, kann also kaum überraschen. Dass sie sich im „Kosmos“ der Wikipedia-Diskussionen perpetuiert, weil sie von anderen NutzerInnen aufgeschnappt und aktiv gebraucht wird, trägt sicherlich ebenfalls zu ihrer Dominanz in diesem Subkorpus bei. Etwas repräsentativer dürfte da schon die Verteilung in den Beispielsätzen sein, die ich letztes Jahr erhalten habe und für die ich mich hier noch einmal herzlich bedanke.

Meinen eigenen Gebrauch des Wortes spiegelt übrigens der vielleicht originellste, wenn auch nicht unbedingt aufschlussreichste Beispielsatz am besten wider:
„Beizeiten ist ein Wort das ich so gut wie nie verwende.“

Die Beispielsätze

a) ‚rechtzeitig, frühzeitig‘
Also ich habe mich heute schon beizeiten auf den Weg zur Arbeit gemacht und kam dann trotzdem fast zu spät?! Wenn´s für den guten Zweck ist … 🙂
Naja, wir wollen dann beizeiten gehen…
Heute muss ich beizeiten ins Bett, da ich morgen früh aufstehen muss.
Trotz des starken Verkehrs kam er beizeiten an, und konnte der Geburt seines Sohnes beiwohnen.
Ich werde versuchen, beizeiten da zu sein.
Wenn nicht beizeiten Reformen durchgeführt werden, bricht der Euro zusammen!
“Komm aber beizeiten wieder nach Hause, ja?”
Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten.
Ich will heut beizeiten ins Bett, damit ich morgen fit bin.
Komm bitte beizeiten nach Hause.
Man muss beizeiten für das Alter vorsorgen.
„Da müssen wir beizeiten da sein, um noch gute Plätze zu bekommen.“
Wenn es nicht beizeiten  regnet, wird die Ernte schlecht ausfallen.
„Während der EM sollte man sich beizeiten überlegen, wo man sich die Spiele anschauen möchte.“
Hoffentlich erreicht mich das Paket beizeiten.

b) ‚bei Gelegenheit‘
Beizeiten muss ich mal dieses Buch lesen.
Wir werden da beizeiten nochmal ausführlich drüber sprechen, aber jetzt heißt es erstmal machen statt reden.
Die Auswertung kannst du beizeiten dann mal veröffentlichen!
Könntest du mir beizeiten das Buch vorbeibringen?
Wir sollten beizeiten Mal was essen gehen. Sag einfach bescheid, wann’s dir passt.
Beizeiten werde ich Dir schreiben, dass Du in Facebook das “i” nicht mitgeschrieben hast.

c) ambig
Beizeiten werde ich Ihnen meine Antwort auf postalischem Weg zukommen lassen.
Ich hoffe beizeiten zu erfahren, wofür die Beispielsätze benötigt werden.
“Ich muss mir beizeiten noch meine Prüfer für die mündlichen Prüfungen raussuchen.”
Das sollte man mal beizeiten erledigen.
Ich werde mich dann beizeiten um die Angelegenheit kümmern!
Beizeiten brechen wir auf!
Ich werde Ihnen beizeiten Bescheid geben.

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